Kernpunkte März 2009
Bericht des Bundesrats zu den Realkosten der Kernenergie
Die heutigen Kernkraftwerke tragen die Kosten für Bau, Betrieb, Unterhalt, Rohstoffe, Nachrüstungen, Bewilligungen sowie Aufsicht, Wiederaufbereitung, Stilllegung und Entsorgung selber. Diese Kosten sind Bestandteil der Stromgestehungskosten der heutigen Kernkraftwerke, die sich auf 3,6–5,1 Rp./kWh belaufen. Bei einem neuen Kernkraftwerk würden diese Kosten (bei einer Abschreibung über eine Betriebsdauer von 60 Jahren) gemäss einer aufdatierten Schätzung des Beratungsunternehmens Prognos bei 4,8 Rp./kWh liegen. Diese Angaben sind die Antwort auf einen von der SP-Ständeratin Gisèle Ory in einem Postulat verlangten Bericht über die Realkosten der Kernenergie. Ebenfalls im Bericht ausgewiesen wird der Forschungsaufwand 1956–2005, den der Staat zu rund der Hälfte mitgetragen hat. Etwas überraschend hält der Bericht aber fest, dass verschiedene Kostenelemente nur vage oder unter bestimmten Annahmen zu beziffern sind, weshalb «eine seriöse Berechnung der ‹Realkosten› der Kernenergie zurzeit nicht erfolgen» könne.
Perspektive Schweiz: Mehrheit befürwortet KKW-Ersatzbau
Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung möchte weiterhin Kernkraftwerke betreiben oder zusätzliche errichten. Dies geht aus der Online-Umfrage «Perspektive Schweiz» hervor, die im Februar 2009 publiziert worden ist. Die vom 27. Oktober bis 31. Dezember 2008 durchgeführte Online-Umfrage erfasste die Meinung von 20'903 Schweizer Bürgern. Die Ergebnisse sind mit einer Fehlertoleranz von ±4% repräsentativ. Zur Verhinderung eines «Stromengpasses» sind die Befragten der Meinung, dass vorwiegend auf strikte Einsparungen (46%) und eine erhöhte Stromproduktion im Inland (44%) gesetzt werden soll. Importe werden nur von einer Minderheit (5%) als primärer Lösungsansatz begrüsst. Weiter sollen gemäss der Online-Umfrage die bestehenden Kernkraftwerke ersetzt (24%) oder zusätzliche gebaut werden (26%). Demgegenüber sind 43% der Befragten für einen langfristigen oder sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie. Bei einer ähnlichen Befragung im Jahr 2006 stimmten 44% für die Weiterführung oder Neuerrichtung von Kernkraftwerken gegenüber 47%, die einen Ausstieg aus der Kernenergie befürworteten.
Parlament genehmigt Teilnahme am Fusionsreaktor Iter
Die Schweiz kann sich am Projekt zum Bau des Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktors (Iter) weiterhin beteiligen. In der Schlussabstimmung der Frühjahrssession vom 20. März 2009 hiess der Ständerat den entsprechenden Bundesbeschluss einstimmig mit 43 Stimmen gut, der Nationalrat mit 152 zu 29 Stimmen. Dies ermöglicht der Schweiz uneingeschränkte Mitsprache und die Weiterführung der bisherigen Kooperation. Die finanziellen Mittel zur Teilnahme der Schweiz wurden über den Beitrag an die europäischen Forschungsrahmenprogramme bereits gesprochen.
Britische Umweltschützer: «Kernenergie? Ja, bitte!»
Die vier britischen Umweltvertreter Stephen Tindale, bis 2005 Geschäftsführer von Greenpeace in Grossbritannien, Lord Chris Smith of Finsbury, Vorsitzender der Environment Agency, Mark Lynas, anerkannter Journalist und Gewinner des Wissenschaftsbuchs des Jahres 2008 der Royal Society, sowie Chris Goodall von den Grünen haben jahrelang die Kernenergie politisch bekämpft. Wie sie gegenüber der Zeitung «The Independent» vom 23. Februar 2009 ausführten, hätten sie inzwischen ihre Meinung angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse geändert, die zeigten, wie weit der Klimawandel als Folge des Verbrauchs fossiler Energieträger wie Öl, Gas und Kohle bereits fortgeschritten sei. «Es war kein plötzlicher Meinungswandel, sondern er erfolgte allmählich über die letzten vier Jahre», sagte Tindale. «Gegen die Kernenergie zu sein, war lange ein wesentlicher Bestandteil des Umweltschützer Seins.» Aber jetzt, wo er mit anderen Umweltschützern darüber spreche, sei die Ansicht ziemlich weit verbreitet, dass die Kernenergie nicht ideal, aber immer noch besser als der Klimawandel ist, betonte er. Smith ergänzte, dass die Nutzung erneuerbarer Energiequellen wie Wind, Sonne oder Gezeiten zwar nach wie vor nötig sei im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Aber ohne die Kernenergie werde es sehr viel schwieriger werden, eine CO2-arme Stromversorgung zu erreichen. Diesem Bekenntnis schlossen sich Lynas und Goodall an. Goodall fügte bei, dass es zwar möglich sei, weniger Energie zu verbrauchen, weniger Strom zu nutzen aber nicht.
Three-Mile-Island: Folgen und Lehren
Am 28. März 2009 jährt sich zum 30. Mal der Kernschmelzunfall des Kernkraftwerks Three-Mile-Island-2 bei Harrisburg im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania. Auch wenn weder Todesopfer noch Verletzte zu beklagen waren, erinnert der Unfall Betreiber und Behörden stets daran, wachsam zu bleiben, um die Sicherheit von Kernanlagen in allen Betriebszuständen zu bewahren. In der Geschichte der Kernenergie war und ist dieser Vorfall das wichtigste Lehrstück für Auslegung, Betrieb und behördliche Überwachung. Seither wurden beispielsweise Kontrollräume nachgerüstet und neuausgelegt sowie mehr in die Ausbildung investiert. Deshalb sind heute auch ältere Kernkraftwerke sicherer, zuverlässiger und leistungsfähiger als vor 20 oder 30 Jahren. Ebenfalls grosse Fortschritte sind in der Kommunikation erzielt worden. So arbeiten die Überwachungsbehörden und ihr technisch-wissenschaftlicher Support jetzt systematisch grenzübergreifend zusammen, um den Erfahrungsrückfluss zu sichern und bei einem Unfall zweckmässig zu handeln.
Neue Kernkraftwerke: Frankreich und Italien schliessen Abkommen
Der italienische Stromversorger Enel und der französische Staatskonzern Electricité de France haben im Februar 2009 in Rom zwei Absichtserklärungen für eine enge Zusammenarbeit beim Bau von Kernkraftwerken unterzeichnet. Das erste Abkommen sieht die gemeinsame Gründung einer Planungsgesellschaft vor, die Machbarkeitsstudien zum Bau europäischer Druckwasserreaktoren (EPR) in Italien durchführen soll. Ziel ist, dass das erste Kernkraftwerk bis 2020 den kommerziellen Betrieb aufnehmen kann. Mit dem zweiten Abkommen einigten sich die beiden Konzerne darauf, dass sich die Enel zu 12,5% am zweiten EPR-Projekt in Frankreich, Penly-3, beteiligen wird. Den gleichen Anteil hält der italienische Stromversorger bereits an Flamanville-3, dem ersten EPR in Frankreich, der seit Ende 2007 im Bau steht.
Deutschland braucht ein Energieministerium
Deutschland fehle eine schlüssige, zukunftsgerichtete Gesamtstrategie für die Energie- und Umweltpolitik, kritisierte der Präsident des Wirtschaftsrats Deutschland der CDU, Kurt J. Lauk, an der Klausurtagung «Energie und Klima» Mitte Februar 2009. Er forderte deshalb die Gründung eines Energieministeriums in der nächsten Legislaturperiode, um den Klimaschutz voranzubringen. Lauk monierte, dass keine der Parteien, die gleichzeitig aus der Kernenergie und der Kohleverstromung aussteigen wollten, bisher ein schlüssiges Konzept zur Schliessung der Versorgungslücke vorgelegt habe. Die Gaskrise zwischen Russland und der Ukraine habe gezeigt, dass die bisherige Energie- und Klimapolitik Deutschland in eine gefährliche Abhängigkeit getrieben habe. Der Wirtschaftsrat forderte daher, die Versorgungssicherheit stärker in den Vordergrund der Energiepolitik zu rücken und einen «breiten und technologieoffenen» Mix aus Kohle, Kernenergie, Gas, Öl und effizienten erneuerbaren Energien anzustreben.
Kernpunkte März 2009 (PDF)