Kernenergie und Ethik
03.12.2009
Am Abend des 17. Novembers 2009 eröffnete die Präsidentin des Nuklearforums Schweiz, Corina Eichenberger, den dritten und letzten Forums-Treff dieses Jahres im Kursaal in Bern. In ihrer Eröffnungsrede stellte Eichenberger fest, dass wir alle dank unserer Erziehung in praktischen Belangen des Alltags bereits Ethik-Expertinnen und -Experten sind. «Wenn wir jedoch ethische Überlegungen über etwas Komplexes wie die friedliche Nutzung der Kernenergie anstellen möchten, weisen die anstehenden Fragen weit über den täglichen Erfahrungshorizont hinaus», so Eichenberger weiter. Wie man trotzdem auch als Nicht-Experte zu komplexen Themen Stellung beziehen kann, erläuterte die Biologin und Theologin, Sibylle Ackermann Birbaum, in ihrem anschliessenden Vortrag.
Unter dem Titel «Kernenergie in der Wechselspannung» führte Ackermann die Zuhörer zuerst durch die Grundbegriffe der Ethik und die Aufgabe der Ethikerinnen und Ethiker. Im Gegensatz zur Mehrzahl der Menschen hätten die Ethikerinnen und Ethiker Zeit, sich vertieft mit bestimmten Fragen zu befassen und umfassende ethische Betrachtungen anzustellen. Damit könnten sie interessierten Personen eine Übersicht der ethischen Aspekte und Zusammenhänge präsentieren, die es bei der Beantwortung komplexer Fragen zu beachten gilt. Ackermann betonte, dass dabei jede Person den Diskurs bis zur Entscheidung selber führen müsse.
In einem weiteren Schritt stellte Ackermann den Verlauf der Argumentation der Nuklearethik im deutschsprachigen Raum der vergangenen 40 Jahre vor. So setzte die ethische Diskussion anfangs der 1970er-Jahre damit ein, dass aus ethischer Sicht Gründe formuliert wurden, die gegen die zivile Nutzung der Kernenergie sprechen. Ein Jahrzehnt später rückten in der öffentlichen Diskussion reale und mögliche Katastrophen dermassen in den Vordergrund, dass der sinnvolle Zweck eines Kernkraftwerks, die Stromproduktion, nicht mehr präsent war, erklärte Ackermann weiter. In den 1990er-Jahren wuchs dann das Bewusstsein, dass die Weltbevölkerung eine globale Verantwortungsgemeinschaft bildet und das Prinzip der Nachhaltigkeit rückte in den Vordergrund.
Ackermann: «Zur Beantwortung der Frage, ob es heute ethisch vertretbar ist die Kernenergie zu nutzen oder auf diese zu verzichten, muss zwingend eine umfassende und ehrliche Güterabwägung durchgeführt werden», also eine Auflistung und Gewichtung der Pro- und Contra-Argumente. Wie das Urteil nach einer Güterabwägung ausfällt, hänge jedoch von den persönlichen Wert-Präferenzen und Hierarchisierung jedes einzelnen ab, betonte sie.
In der abschliessenden Diskussionsrunde stellte sich heraus, wie wichtig es ist, Informationen weiterzugeben, ob es nun um die Frage der Lagerung radioaktiver Abfälle geht oder um den Bau neuer Kraftwerke. Denn Verantwortung kann nicht delegiert werden – entscheiden muss jeder selbst.
Foto: Nuklearforum Schweiz
Corina Eichenberger, Präsidentin des Nuklearforums Schweiz, begrüsst die Anwesenden zum dritten Forums-Treff im Kursaal in Bern.