27.07.2000

Atom-Ei Garching: Der Forschungs-Reaktor München wurde abgeschaltet

Ein kurzer Knopfdruck in der kleinen Warte und in Sekundenschnelle verblasste nach 43 Jahren störungsfreiem Betrieb das intensive Blau des Cerenkov-Effektes im Reaktorbecken.

"Das war alles?" fragte ein Fernsehreporter und bekam vom Technischen Direktor für den FRM und FRM-II, Prof. Klaus Schreckenbach, als Antwort: "Ja, das war alles!" Dies geschah am 28. Juli 2000 genau um 10.30 Uhr. Der weltweit bekannte Forschungs-Reaktor München, das Garchinger Atom-Ei, wurde endgültig abgeschaltet.
Der abgeschaltete Zustand des FRM sei Voraussetzung für die Betriebsgenehmigung des FRM-II, sagte der Physiker. "Im Genehmigungsverfahren für die neue Neutronenquelle ist eindeutig festgelegt worden, dass auf dem Garchinger Forschungsgelände nur eine Reaktoranlage in Betrieb sein darf." Ausserdem werde dadurch zusätzliche Zeit für das Betriebspersonal gewonnen, sich für den FRM-II gründlich auszubilden und die Fachkunde für den späteren Betrieb zu erwerben. Schreckenbach: "Bereits seit etwa einem Jahr werden die Operateure für den FRM-II geschult." Zusätzlich seien weitere Techniker eingestellt und die Betriebsmannschaft für den FRM-II auf insgesamt ca. 90 Mitarbeiter erweitert worden. Im wissenschaftlichen Bereich kommen weitere ca. 50 Experten hinzu. Das Ende der FRM-Betriebszeit sei auch dadurch festgelegt, dass der Brennstoffvorrat für das Atom-Ei seit Jahren auf diesen Abschalttermin ausgelegt worden sei.
Der Forschungsreaktor München der Technischen Universität in Garching liefert seit fast 43 Jahren Neutronen für Forschung und Lehre. In all diesen Jahren gingen vom FRM weitreichende Impulse für die Grundlagenforschung und die angewandte Forschung mit Neutronen aus.
"Wir blicken mit Stolz auf die Leistungen des legendären Forschungsreaktors zurück, der auch ein Symbol für den technologischen Wandel in Bayern und Deutschland ist", so der Präsident der Technischen Universität München, Prof. Wolfgang Herrmann. Das Ende der Kernspaltung im Atom-Ei bedeute die jetzt absehbare Inbetriebnahme der neuen Forschungsneutronenquelle FRM-II. Mit grosser Erwartung blicke die wissenschaftliche Community in die Zukunft. Siemens werde zum Jahreswechsel den Neubau so abschliessen können, wie es im 1994 vereinbarten Generalunternehmervertrag zugesagt wurde. Die TU werde diese Kooperation mit Siemens im kommenden Jahr mit der nuklearen Inbetriebnahme erfolgreich beenden.
"Wissenschaftliche Konzeption, Sicherheit der Anlage und herausragende Ausbildung sind ganz eng mit dem Namen von Prof. Heinz Maier-Leibnitz verbunden", führte Herrmann aus. Ausbildung und Forschung hätten immer im Zentrum der Arbeiten gestanden. Vielfältig war der Nutzen für Wissenschaft, Behörden, Gutachter und auch Medizin und Wirtschaft.
Von den systematischen Entwicklungen in Garching haben die meisten anderen Forschungsreaktoren dieser Welt profitiert. Allen voran die Anlage in Grenoble am Institut Laue-Langevin (ILL). Über Jahrzehnte standen am ILL Direktoren aus Garching an der Spitze. In der Folge von Maier-Leibnitz seien die Namen von Mössbauer, Springer, Gläser, Armbruster, Scherm und Dubbers (heute Chef am ILL) zu nennen. Wertvolle Erkenntnisse aus Garching gingen auch in Frankreich in den Bau dieser heute noch wissenschaftlich äusserst attraktiven Anlage ein. "Maier-Leibnitz war auch hier der Garant für wissenschaftliche Zukunftsentwicklung", bekräftigte Herrmann.
Neutronen sind ein wichtiges Werkzeug in der Forschung. Sie haben sich nicht nur in der Physik, sondern auch in der Chemie, der Radiochemie, der Medizin, der Biologie, im Umweltschutz und bei der Verbesserung von Analyseverfahren besonders bewährt. In allen Disziplinen liefert die Forschung mit Neutronen wertvolle, mit anderen Methoden nicht oder nur schwer erreichbare Erkenntnisse. Darüber hinaus sind Experimente mit ihnen ein Schlüssel zum Verständnis der elementaren Kräfte der Natur.
Für die junge Universitätsstadt Garching habe am Anfang der rasanten Entwicklung des Ortes das Atom-Ei gestanden. Es sei rasch Motor der Entwicklung auf dem Campus und in der Stadt geworden. "Die Bedeutung als interdisziplinäres Forschungsinstrument wird äusserlich allein dadurch bewiesen, dass von der Physik über die Fakultäten für Chemie, Biologie und Maschinenwesen jetzt auch die Fakultäten für Mathematik und Informatik nach Garching auswandern." Die Fakultät Elektrotechnik werde folgen. Das sei auch ein Beleg für die Forschungsfreundlichkeit der Stadt Garching. Herrmann: "Besonderen Dank sprechen wir deshalb auch dem Garchinger 1. Bürgermeister, Herrn Helmut Karl, aus."

Quelle: 
Joachim Hospe, KTG