16.09.2013

Chancen und Herausforderungen der Kernenergienutzung in Hongkong und China

In China stehen derzeit 28 Kernkraftwerkseinheiten im Bau. Das Land plant, bis 2020 seine Nuklearkapazität auf mindestens 58 GW zu vervierfachen. Die Sonderverwaltungszone Hongkong ist direkt von den Kernenergieausbauplänen Chinas betroffen. Vincent Ho von der Hongkong Nuclear Society beleuchtet im Interview mit der internationalen Kernenergie-Nachrichtenagentur NucNet die zentralen Herausforderungen dieser Neubaupläne. Das Nuklearforum Schweiz publiziert Auszüge daraus. 

NucNet: Was sind die zentralen Herausforderungen des Risikomanagements für Kernkraftwerke in China?
Vincent Ho: China steht vor den gleichen Aufgaben und Problemen im Bereich des Risikomanagements wie jedes Land mit einem sich stark entwickelnden Kernenergieprogramm, so wie Frankreich und Grossbritannien in früheren Zeiten. Verstärkend wirkt hierbei das Bestreben Chinas, eigene Reaktorauslegungen zu entwickeln, eine hochstehende nukleare Zulieferindustrie aufzustellen und gute Betriebsergebnisse auszuweisen. Einige Schlüsselthemen beeinflussen China zudem. Es sind dies Grundlagen wie beispielsweise, sich genügend Fachwissen im Risikomanagement zu sichern und zur Unterstützung von Risikoanalysen eine qualifizierte Datenbank aufzubauen. Eine andere wichtige Aufgabe für China ist die Kommunikation über die Risikoanalysenresultate mit der Öffentlichkeit und das Offenlegen von Informationen. […] Die Risiken, die mit den Herausforderungen einhergehen, sind nicht neu und zu bewältigen, ohne das Rad neu zu erfinden. Der Grossteil der Informationen, die China benötigt, ist über die Betriebserfahrungsnetzwerke der Nukleargemeinschaft verfügbar. Das Ereignis in Fukushima-Daiichi zeigt, dass ein grossflächiger Nuklearunfall die Industrie weltweit – China mit eingeschlossen – beeinträchtig, egal wo er eintritt.

Wo liegen die Prioritäten Chinas bei der Forschung und Entwicklung im Nuklearbereich? Gibt es Fortschritte beim Bau des Hochtemperatur-Demonstrationsreaktor Shandong Shidaowan HTR-PM zu verzeichnen?
China hat ein umfassendes Programm für Forschung und Entwicklung im Nuklearbereich. Bei der Entwicklung der Technologie für die vierte Generation von Kernkraftwerken hat China 2006 entschieden, sich auf den Hochtemperaturreaktor (HTR) zu konzentrieren. In China steht der weltweit einzige Prototyp eines HTR in Betrieb – der Kugelhaufen-Versuchsreaktors HTR-10 (10 MW thermisch). Er befindet sich auf dem Gelände des Institute of Nuclear and New Technology (INET) der Tsinghua-Universität. Der Demonstrationsreaktor HTR-PM in Shandong Shidaowan mit einer elektrischen Leistung von 210 MW erhielt die Baubewilligung im Jahr 2012 und soll der erste einer Serie von HTR in China sein. China verfügt zudem über ein Programm mit Schnellen Brutreaktoren. So wurde im Juli 2010 der China Experimental Fast Reactor (CEFR) am China Institute of Atomic Energy (CIAE) in der Nähe von Beijing erstmals kritisch. Er verfügt über eine thermische Leistung von 65 MW und kann mit einer Leistung von 20 MW Strom ins Netz einspeisen. Der natriumgekühlte CEFR ist der erste Versuchsbrüter des Landes und wurde in Zusammenarbeit mit Russland gebaut. Gegenwärtig wird die Option des Baus eines kommerziell genutzten Brüters in Fujian mit russischer Technologiehilfe geprüft. China beteiligt sich zudem am Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktor (Iter) gemeinsam mit der EU, Japan, Russland, Südkorea und den USA.

Das chinesische Kernkraftwerk Daya Bay befindet sich an der Grenze zu Hongkong. Wie wichtig ist es für Hongkong, sich am Entscheidungsfindungsprozess zur Kernenergie in China zu beteiligen?
Hongkong ist eine Sonderverwaltungszone an der Südküste der Volksrepublik China. Obwohl Hongkong ein Teil Chinas ist, verfügt es aufgrund der Doktrin «ein Land–zwei Systeme» über eine eigene Regierungsform. Hongkong hat sich lautstark zu Wort gemeldet und versucht, den Entscheidungsfindungsprozess in China zu beeinflussen. Die Redefreiheit in Hongkong erlaubt es den Menschen, ihre Meinung zum Strommix und zur Entwicklung der Kernenergie in China zu äussern. Da Hongkong über ein anderes politisches System als China verfügt, kann es Beiträge in Bereichen wie Öffentlichkeitsarbeit, Einbindung der Anspruchsgruppen oder externe Notfallplanung liefern. Diese Bereiche sind für die langfristige Entwicklung und Nachhaltigkeit des chinesischen Nuklearprogrammes entscheidend. Es ist wichtig, dass China von der einzigartigen Stellung und Erfahrung Hongkongs Gebrauch macht und versucht, den Entscheidungsfindungsprozess zu verbessern.

Wie will sich Hongkong in das Sicherheits- und Risikomanagement der chinesischen Kernkraftwerke einbringen?
Wegen der raschen Entwicklung der Nuklearindustrie in China, insbesondere in der Region des Perlfluss-Deltas im Süden des Landes, ist die Öffentlichkeit in Hongkong besorgt über die Sicherheit der Kernkraftwerke in der Nähe ihrer Grenze. Diese Furcht hat seit den Ereignissen in Fukushima-Daiichi zugenommen, da sie die Möglichkeit eines grossen Reaktorunfalls bewusst gemacht haben. Die Öffentlichkeit wünscht mehr zeitgerechte, präzise und transparente Berichterstattung über die betriebliche Leistung der chinesischen Kernkraftwerke.

Will Hongkong die Nutzung der Kernenergie ausbauen?
2010 publizierte die Regierung von Hongkong ein an die Öffentlichkeit gerichtetes Strategiepapier mit dem Ziel, den Kohlestoffanteil am Strommix zu reduzieren. Der Kernenergieanteil sollte von 23% (2009) auf 50% (2020) erhöht werden. Dieses Papier wurde nach dem Reaktorunfall in Fukushima-Daiichi auf Eis gelegt. Die Regierung hat nun den Plan, vor Ende 2013 erneut eine öffentliche Anhörung zur Kernenergie zu lancieren.

Quelle: 
D.S. nach NucNet, Auszüge aus Interview, 27. August 2013