01.12.2010

Das Management von Grossprojekten in Kernkraftwerken

Am 16. und 17. November 2010 führte das Nuklearforum Schweiz unter dem Titel «Management von Grossprojekten in Kernkraftwerken: Modernisierung und Neubauten» einen Vertiefungskurs durch, dem nahezu 200 Teilnehmende beiwohnten.

«Besser könnte das Timing für unseren Vertiefungskurs nicht sein», freute sich Kursleiter Patrick Miazza mit Blick auf das tags zuvor veröffentlichte Gutachten des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) zu den Rahmenbewilligungsgesuchen für den Bau neuer Kernkraftwerke. Die Aktualität des Themas zeigte sich ebenso an der hohen Zahl der Kursteilnehmer. Sie waren vorab aus der Schweiz und aus Deutschland zur Tagung an die Fachhochschule in Brugg-Windisch angereist.

Gleich zu Kursbeginn erläuterte Cornelia Ryser vom Ensi das Bewilligungsverfahren für neue Kernkraftwerke sowie das sich noch in der Entwicklung befindende Aufsichtskonzept des Ensi für die Baubewilligungen, die im Gefolge der Rahmenbewilligungen zu erteilen sein werden. Zuvor ging Bruno Jenny, Geschäftsführer der SPOL AG, in seinem ebenso tiefgründigen wie unterhaltsamen Referat der Frage nach, wie viel und welche Art Methode für die effiziente Führung von Grossprojekten angebracht ist.

Nuklearforum Schweiz
Quelle: Knapp 200 Teilnehmer besuchten den Vertiefungskurs in der Aula der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Erfahrungen von bleibendem Wert

Derart mit Grundlagen gerüstet konnten sich die Teilnehmenden in die Erfahrungen und Herausforderungen beim Management konkreter Grossprojekte vertiefen. Ein Kursteil war den Modernisierungsprojekten gewidmet: Urs Appenzeller vom Kernkraftwerk Gösgen stellte das Projektmanagement und den Projektverlauf des im Jahr 2008 in Betrieb genommenen dortigen Nasslagers vor. Die Herausforderungen bei der Modernisierung der Leittechnik im Kernkraftwerk Leibstadt, einem Projekt mit einer Gesamtdauer von 20 Jahren, waren Gegenstand der Ausführungen von Urs Senn, dem stellvertretenden Projektleiter. Roland Käser vom Kernkraftwerk Beznau gab dem Publikum Einblick in das Spannungsfeld der Interessen, in welchem er sich als Projektleiter «Autarke Notstromversorgung» (Autanove) befindet. Christophe Weder, Leiter Turbinenanlagen im Kernkraftwerk Mühleberg, berichtete von der Optimierung des «kalten Endes», des konventionellen Teils des Kraftwerks, als Bestandteil der ständigen Weiterentwicklung eines Kernkraftwerks während dessen Betriebsphase. Zum Abschluss dieses Kursteils zeigte Peter Hirt, Leiter Thermische Produktion bei der Alpiq, dass die zahlreichen Projekterfahrungen der vergangenen Jahrzehnte ihren Stellenwert auch heute behalten. Von den 52 Massnahmen, die im Bericht «Projektabwicklung und Qualitätssicherung bei Kernkraftwerken» (PQS) von 1986 aufgeführt sind, erwiesen sich bei einer jüngst abgeschlossenen Überprüfung 37 als heute noch vollumfänglich gültig. Hirt folgerte, dass PQS vermehrt in die aktuellen Neubauprojekte eingebunden werden sollte.

Blick voraus

Der zweite Kurstag begann mit der Vorstellung der Schweizer Kernkraftwerkprojekte. Sönke Hacker, CEO der Resun AG, schilderte in kompakter Form die enorme Komplexität eines Neubauprojekts mit der Besonderheit der langen Projektdauer. Als Schlüsselfaktoren für den Erfolg nannte er die Stichworte Technologie – Behörden – Kommerzielles – Politik und Gesellschaft, die zusammenpassen müssen. Er wies auf die grosse Bedeutung der Planungsphase hin, die relativ wenig kostet, aber eine enorme Hebelwirkung auf die Baukosten haben kann. Anschliessend informierte Werner Meier, Alpiq, über die Anforderungen an das Qualitäts- und das Dokumentenmanagement. Auch hier ist entscheidend, dass von Anfang die Arbeit gut und vorausschauend gemacht wird. Die zentralen Handlungsgrundsätze lauten: «Safety first», dann Machbarkeit, dann Kosten nach dem Motto «so einfach wie möglich, so komplex wie nötig».

Im vierten Kursblock kamen die Lieferanten zu Wort. Takeo Shimizu von der Toshiba machte eine eindrückliche Angabe: Der Bau der ersten zwei fortgeschrittenen Siedewasserreaktoren (ABWR) in Japan dauerte 37 Monate vom ersten Beton bis zur ersten Beladung mit Brennelementen, und dies trotz den besonderen Anforderungen an die Erdbebensicherheit in Japan. Die Toshiba, die in Europa zusammen mit der Westinghouse auftritt, investiert laut Shimizu viel in die Verbesserung der Bauverfahren, entwickelt die Auslegung des ABWR laufend weiter und hat sie auch den europäischen Anforderungen angepasst. Laurent Bourdonneau, Electricité de France (EDF), schilderte die Lehren aus dem Neubauprogramm des französischen Stromversorgers. Schlüsselfaktoren sind laut ihm: schlanke Projektstrukturen, talentierte und erfahrene Leute, ein weltweites Kontrollsystem zur Sicherstellung der Qualität der Komponentenherstellung und ein zuverlässiger Lizenzierungsprozess unter Einbezug der Behörden. Auch Hideo Yonemura von der GE Hitachi Global Alliance hob die jahrelange und kontinuierliche Erfahrung seines Unternehmens mit dem Bau von Kernkraftwerken hervor. Von den 55 Kernkraftwerken in Japan hat das Konsortium 22 gebaut, und je zwei Einheiten des Typs ABWR befinden sich derzeit in Japan und in Taiwan in Bau. Eine modulare Bauweise erleichtert das Einhalten von Budget- und Terminvorgaben. Zu den Projektierungshilfen gehören fortschrittliche 3D-CAD-Technologien ebenso wie ein eigens entwickeltes integriertes Konstruktions-Managementsystem, das erlaubt, technische Daten effizient zu speichern und auszutauschen.

Abschliessend gehörte die Bühne den Projektanten und den Lieferanten, die unter der Leitung von Cindy Mäder, Leiterin Kommunikation bei der Resun AG, über ihre gegenseitigen Erwartungen diskutierten. Dabei stellte sich heraus, dass sich die beiden Seiten viel zu sagen haben, die wirklich anspruchsvollen Verhandlungen aber erst noch bevorstehen.

Takeo Shimizu, Toshiba. «Wir werden einen an die EU-Vorschriften angepassten ABWR anbieten.»
Quelle: Nuklearforum Schweiz

Querblicke

Zur Tradition der Vertiefungskurse des Nuklearforums Schweiz gehören Vergleiche mit verwandten Themen in anderen Branchen oder Projekten. In diesem Jahr standen Grossprojekte im Tunnelbau und bei einem Pumpspeicherwerk auf dem Programm. Der frühere CEO der Alptransit, Peter Teuscher, gewährte einen Blick in die «Projektmanagement-Küche des Lötschberg-Basistunnels». Die BLS AlpTransit AG projektierte und realisierte im Auftrag der Schweizerischen Eidgenossenschaft die Lötschberg-Basisstrecke, die 2007 in Betrieb genommen wurde. «Ein Team von 30 Mitarbeitenden hatte sich zum Ziel gesetzt, den Lötschberg-Basistunnel termin- und kostengerecht sowie auf dem neuesten Stand der Technik und der Sicherheitsanforderungen zu realisieren», führte Teuscher aus. Für die Planung und den Bau der Basisstrecke engagierten sich insgesamt rund 2500 Personen, sowohl auf den Baustellen und in den Unternehmungen als auch in den verschiedenen Planungs- und Expertenbüros. Eine der zahlreichen interessanten Erkenntnisse aus dem Projekt betrifft die Kommunikation: Die offene, vertrauensvolle und direkte mündliche Kommunikation habe sich als viel zuverlässiger erwiesen als das schriftliche Berichtswesen, so Teuscher.

Eric Wuilloud von der Alpiq informierte in einem fulminanten Vortrag über das Pumpspeicherwerk Nant de Drance, das gegenwärtig im Bau steht. Eindrücklich sind hier die Dimensionen mit zwei Kavernen, zwei Verbindungsstollen und einem Zugangsstollen aus dem Tal, durch den die Stromleitungen gelegt werden, da oberirdische Leitungen keine Chance haben. Zentrale Erfahrungen auch bei diesem Projekt: Die Sicherheit steht zuoberst und zudem braucht es Teamgeist und Motivation. «Man muss ans Projekt glauben», wie Eric Wuilloud betonte. Und natürlich spielt auch hier die Kommunikation eine bedeutende Rolle: Es sei eine ganze Menge Geduld und die Bereitschaft nötig, regelmässig den Kontakt zu Bevölkerung und Behörden zu suchen. Technische Probleme sind lösbar, Menschen sind schwieriger, so die Erfahrung aus diesem bisher erfolgreichen Grossprojekt.

Quelle: 
R.B.