15.11.2013

Deutsche Energiewende: nicht zur Nachahmung empfohlen

«Atomausstieg in Deutschland – Vorbild für die Schweiz?» Die Frage hat Wolfgang Denk, Leiter nukleare Beteiligungen bei der Alpiq Suisse SA, in den Forums-Treffen des Nuklearforums vom 24. Oktober in Baden und 14. November 2013 in Zürich beantwortet. Nein, die deutsche Energiewende ist kein Vorbild, aber man kann daraus Lehren ziehen.

Bei seiner Analyse der deutschen Strompolitik stützte sich Denk auf das klassische energiepolitische Zieldreieck und stellte die drei entsprechenden Fragen in den Raum:

  1. Ist die deutsche Energiewende nachhaltig (Umweltverträglichkeit)?
  2. Ist sie zuverlässig (Versorgungssicherheit)?
  3. Ist sie zu angemessenen Kosten zu bewältigen (Wirtschaftlichkeit)?
     

Umwelt: keine Anzeichen für Verbesserung

Ausgehend von den enormen Umwelteinwirkungen des Abbaus und Verstromens von Braunkohle – der Nummer eins in der deutschen Stromerzeugung – zeigte Denk auf, dass trotz des forcierten Ausbaus der neuen erneuerbaren Energien der fossile Beitrag an die Stromversorgung seit Beginn der Energiewende im Jahr 2000 konstant geblieben ist – und die Treibhausgasemissionen durch den Ausbau des Braunkohleanteils an der Produktion in den letzten Jahren sogar zugenommen haben.

Mit 640 g/kWh im Jahr 2012 liegt Deutschland damit weit über dem Durchschnitt der EU-27, der etwa 350 g/kWh ausmacht – vom Schweizer Produktionsmix ganz zu schweigen, der noch einmal rund einen Faktor zehn besser abschneidet. Denks Fazit: «Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass die Stromerzeugung in Deutschland durch Energiewende und Atomausstieg umweltfreundlicher oder nachhaltiger geworden ist.»

Versorgungssicherheit: Rückschritt

Ebenso ernüchternd die Analyse der Versorgungssicherheit: Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber setzen in ihrer Leistungsbilanz 2012 die Rate der jederzeit einsetzbaren Leistung zum Abdecken der Spitzenlast zu einem bestimmten Zeitpunkt bei Windstrom auf 1% und beim Solarstrom auf 0% der installierten Leistung. Das bedeutet, dass diese beiden Stromquellen für die Versorgungssicherheit des Systems nutzlos sind. Schlimmer noch: Geeignete Lösungen für die Zwischenspeicherung grosser Mengen volatiler und nicht planbarer Einspeisungen von Solar- und Windstrom sind nicht in Sicht.

Durch einige einfache Rechnungen anhand der Grössenordnungen stellte Denk klar, dass die Pumpspeicherwerke in den Alpen bei weitem nicht genügen, um die von der Energiewende verursachten Produktionsschwankungen auszugleichen. Auch das Vertrauen in ein europäisches Supergrid helfe hier nicht, denn, so Denk mit Augenzwinkern, «wir haben es bis heute nicht geschafft, die Physik zu überlisten». Sein Fazit: «Windräder und Solarpanels sind gar keine ‹echten› Kraftwerke, sondern im Gegenteil eher ein destabilisierender Störfaktor im System, der die Versorgungssicherheit verschlechtert.»

Milliardenschwere Wertvernichtung

Schliesslich die Frage nach den Kosten: Mit dem vorzeitig Abschalten seiner Kernkraftwerk verzichtet Deutschland – bei einer möglichen Betriebsdauer von 60 Jahren – auf rund 4000 TWh umweltschonend und preiswert erzeugbare elektrische Energie. Damit liesse sich der Schweizer Strombedarf 65 Jahre lang decken.

Zu dieser enormen Wertvernichtung hinzukommen die Einspeisevergütungen, also Subventionen für Strom aus Sonne, Wind und Biomasse. Für den Gegenwert der bis Ende 2012 bezahlten und zugesicherten Zuschüsse für erneuerbare Energien hätten in Deutschland – auch unter ungünstigsten Annahmen der Baukosten – so viele moderne Kernkraftwerke gebaut werden können, dass diese über 70% der Stromproduktion abdecken würden. Damit hätte Deutschland einen so CO2-armen Strommix wie die Schweiz bereits heute. Sein ökonomisches Fazit: «Wir stehen vor einer staatlich verordneten Vernichtung von enormen volkswirtschaftlichen Werten und planwirtschaftsähnlicher Umverteilung von dreistelligen Milliardenbeträgen.»

Schweiz soll die Lehren ziehen

Abschliessend verwies Denk auf die Einschätzungen der Entscheidungsträger am World Economic Forum zu den grössten globalen Risiken unserer Zeit: Der Atomausstieg findet sich nicht unter den Top Ten, dafür aber die Klimaproblematik und volatile Energie- und Lebensmittelpreise. Denks Gesamtfazit: «Die deutsche Energiewende kann nicht zur Nachahmung empfohlen werden.» Für die Schweiz gelte es, die Lehren aus den gröbsten Fehlern zu ziehen und die deutschen Erfahrungen in der Öffentlichkeit breit zu diskutieren. 

Quelle: 
M.S.