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13.11.2012

Deutschland: Energiewende aus Industriesicht beurteilt

Der Bundesverband der deutschen Industrie e.V. (BDI) hat am 8. November 2012 seinen Energiewende-Navigator vorgestellt. Dieser untersucht die Auswirkungen der deutschen Energiewende aus Industriesicht. 

Der Energiewende-Navigator gibt eine Status-quo-Beschreibung in Form von Ampelfarben entlang der fünf Themen Klima- und Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit, Akzeptanz und Innovation. Als Basis dienen 42 quantitative Indikatoren. Damit will der BDI mögliche Fehlentwicklungen, die unnötig hohe Kosten verursachen und volkswirtschaftliche Risiken erzeugen, frühzeitig erkennen.

Das Thema Klima- und Umweltverträglichkeit befindet sich laut aktuellem Energiewende-Navigator im grünen Bereich, ebenso – mit fallender Tendenz allerdings – die Versorgungssicherheit. Bei den Indikatoren Innovation und Akzeptanz steht die Ampel auf Gelb. «Beunruhigend tiefrot sind die Daten zur Wirtschaftlichkeit», stellte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel fest. Auch mit Blick auf die Jahre 2022 und 2030 seien hier keine Verbesserungen in Sicht. Die Politik müsse sich dringend um die wirtschaftliche Gesamteffizienz ihrer Massnahmen kümmern. Nur so würden die Kosten nicht weiter ausufern, liessen sich Zeitpläne einhalten und die Akzeptanz der Bevölkerung sicherstellen, erklärte Keitel am BDI-Energiewendekongress vom 8. November 2012 in Berlin.

«Die Energiewende muss möglichst aus einem Guss gelingen. Es ist nicht zielführend, Dutzende oder gar Hunderte von politischen Einzelzielen nebeneinander auszurufen, auf Bundesebene, auf Länderebene, auf europäischer Ebene, ohne sie aufeinander abzustimmen», kritisierte Keitel. «Energiepolitische Flickschusterei treibt die Kosten in die Höhe, verunsichert Investoren, lässt Bürgerinnen und Bürger am Sinn der Unternehmung zweifeln.»

Investitionen in Milliardenhöhe

Der Komplettumbau des Energiesystems erfordere immense Investitionen: Bis 2030 würden Investitionen von mehr als EUR 350 Mrd. (CHF 420 Mrd.) allein im Stromsektor fällig, lautet ein Ergebnis der Trendstudien. Zum Vergleich: Ohne den durch die Energiewende erforderlichen Komplettumbau des Systems würden nur etwa EUR 150 Mrd. (CHF 180 Mrd.) Investitionen bis 2030 anfallen. 

Höhere Strompreise langfristig nicht mehrheitsfähig

«Die Akzeptanz der Energiewende steht und fällt mit ihrer Bezahlbarkeit», unterstrich Keitel. Nach einer aktuellen Umfrage unter 1000 Bürgerinnen und Bürgern sowie unter fast 800 Unternehmen sind nur 24% der Bevölkerung bereit, zur Umsetzung der Energiewende langfristig um 20–30% höhere Strompreise in Kauf zu nehmen. 77% der befragten Unternehmen gehen von steigenden Kosten aus. 

Chancen auf dem Energietechnologiemarkt

Die deutsche Industrie sieht in der erfolgreichen Umsetzung der Energiewende auch grosse Chancen. «Deutschland baut als erste Volkswirtschaft nennenswerte Systemkompetenz im Umgang mit einem gänzlich neuen Energiesystem auf. Dadurch entstehen Marktchancen für deutsche Leitanbieter», meinte Keitel. Schätzungen der Trendstudien prognostizieren einen kontinuierlichen Anstieg des deutschen Umsatzpotenzials im Weltmarkt für Energietechnologie: von rund EUR 42 Mrd. (CHF 51 Mrd.) 2011 auf rund EUR 60 Mrd. (CHF 72 Mrd.) 2020 – ein Plus von nahezu 40%. 

Quelle: 
M.A. nach BDI, Medienmitteilung, 8. November 2012