29.04.2013

Diskrepanz zwischen Medieninhalten und Realität

Auch zwei Jahre nach der Tsunami-Katastrophe in Japan tun sich die Medien schwer, die Ereignisse auch nur annähernd richtig einzuordnen. Stereotype Meinungen und Perspektiven herrschen vor. Die Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Um den Jahrestag zu den Katastrophen in Japan konzentrierten sich die Medien erneut auf das atomare Grossereignis. Von Anfang Februar bis Anfang April 2013 wurde Fukushima in den Schweizer Presseerzeugnissen 705 Mal thematisiert. 525 Mal wurde der Tsunami explizit erwähnt. Und in nur 168 Texten sind die Todesopfer der Tsunami-Katastrophe explizit erwähnt worden. Zur Erinnerung: Der vom Meeresbeben ausgelöste Tsunami forderte über 15’000 Todesopfer.

Der Leitfaden der Dramaturgie

Dass die Kernschmelze bis jetzt kaum Todesopfer gefordert hat – darauf wird kaum hingewiesen. Als ob dies die dramaturgische Spannung der Beiträge zerstören würde. Schliesslich fusst die Dramaturgie jeweils gerade auf dem Konzept, das Schlimmste stehe erst noch bevor – sprich: Tausende von Menschen sollten werden wegen einer radioaktiven Verseuchung sterben.

Nicht nur die meisten Print- und Online-Medien halten sich an dieses Schema: Die TV-Beiträge gehorchen derselben Dramaturgie. So gab die Wissenschaftssendung Nano zuerst Einblicke in die «Sisyphus»-Arbeit der Dekontaminierung. Es wird der Eindruck erweckt: Der Schaden eines Super-Gaus sei in keiner Weise beziehungsweise überhaupt nie zu bewältigen. Immerhin fokussierte der zweite Beitrag in der zitierten Nano-Sendung die zahleichen Opfern und die Hinterbliebenen der Tsunami-Katastrophen. Doch findet gleichzeitig eine Verwischung der Ereignisse statt – so sprechen die Sendemacher von einem sogenannten Fukushima-Tsunami.

Die Ernüchterung

Die neuste Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf über die Risiken der Krebserkrankungen fand in den Schweizer Medien nur wenig Echo. Teilweise wurden die erhöhten Risiken einzelner Krebsarten im mittleren Umkreis der havarierten Reaktoren erwähnt. Spiegel-Online «entsorgte» die Berichterstattung über den WHO-Bericht auf ihr Wissenschaftsportal. Der durchaus bemerkenswerte Titel: «WHO-Report – Nur gering höheres Krebsrisiko nach Fukushima. Dort steht geschrieben: «Die prognostizierten Risiken für die Menschen in Japan und auch ausserhalb des Landes seien gering, berichten die Forscher. Es werde kein dramatischer Anstieg an Krebserkrankungen erwartet.» Mit einem Link wird auf die Online-Studie verwiesen. Inzwischen ist die Publikation aber nicht mehr online zugänglich.
 

Die Nicht-Signifikanz der Statistik

Auch der Tages-Anzeiger berichtet über die wenig dramatischen Resultate der WHO auf der Wissenschaftsseite. Dort konnte immerhin der Strahlenschutzexperte Peter Jacob im Interview ausführlich Stellung nehmen (siehe auch Link unten). Frage: Mit wie vielen zusätzlichen Fällen von Krebs ist insgesamt zu rechnen? Jacob: «In den höher kontaminierten Gebieten der Fukushima-Präfektur ausserhalb der 20-Kilometer-Zone leben circa eine halbe Million Personen. Die WHO gibt für diese Gebiete ein zusätzliches Lebenszeitrisiko von einem bis zwei Krebsfällen je 1000 Personen an. (...) Selbst in den am höchsten kontaminierten Gebieten liegt das zusätzliche Risiko weit unter den Fluktuationen und zeitlichen Trends des normalen Krebsrisikos.» Jacob auf die Frage zum Geburtenrückgang bereits neun Monate nach der Katastrophe: «Das wundert mich überhaupt nicht, hat aber ebenfalls nichts mit den Strahlen zu tun. Das sind psychologische Effekte durch die Umsiedlung, die Angst vor Strahlung und auch der Stigmatisierung der Betroffenen. In solchen Situationen ist es nicht überraschend, wenn weniger Kinder geboren werden. Die massiven psychologischen Effekte der Reaktorkatastrophe sind ohnehin das weitaus grösste gesundheitliche Problem.»
 

Die Panikmache

Zu den wenigen Ausnahmen relativierender Berichte gehört zum Beispiel The Wall Street Journal (WSJ). Sie gilt in Finanzkreisen als einflussreichste Zeitung. Sie titelte: «The Panic Over Fukushima». Japans nuklearer Unfall sei zweifellos eine grosse menschliche Tragödie, aber die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit seien übertrieben worden und die Vorzüge der Kernenergie würden auch heute noch bestehen bleiben. «Es ist bemerkenswert, dass so viel Aufmerksamkeit auf die Freisetzung von Radioaktivität gegeben wurde, wenn man bedenkt, dass Tod und Zerstörung durch den Tsunami erheblich grösser war», schreibt Richard Muller. Er ist Physik-Professor an der University of California, Berkeley. Sein Essay ist in ähnlicher Form auch in seinem Buch enthalten: «Energy for Future Presidents: The Science Behind the Headlines.»

Wie übertrieben einige Befürchtungen sind, zeigt sein Vergleich mit der natürlichen Radioaktivität in Denver. Die Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Colorado, am östlichen Fuss der Rocky Mountains gelegen, ist seit jeher aufgrund der besonders hohen natürlichen Radioaktivität bekannt. Ursächlich dafür verantwortlich ist radioaktives Radon-Gas bezeihungsweise winzige Urankonzentrationen im lokalen Granit. Bewohner von Denver sind deshalb jährlich einer zusätzlichen Strahlen-Dosis von 0,3 REM ausgesetzt. Diese Strahlung kommt zur normalen Strahlendosis eines US-Amerikaners hinzu, die rund 0,62 REM beträgt (unter anderem aufgrund medizinischer Untersuchungen/Röntgenstrahlen).

Die Internationale Kommission für Strahlenschutz (ICRP) empfiehlt die Evakuierung eines Ortes, wenn die Strahlendosis 0,1 REM über dem normalen Niveau (USA: 0,62 REM) beträgt. Gemäss den ICRP-Standards müsste eigentlich Denver, das landesweit sogar eine vergleichsweise tiefe Krebsrate aufweist, sofort evaquiert werden. Dazu Muller: «Einige Wissenschaftler interpretieren dies als Beweis dafür, dass geringe Mengen von Strahlung einen Widerstand gegen kanzerogene Tumore induzieren.» Wahrscheinlich ist jedoch gemäss Muller der unterschiedliche Lifestyle für die aufgezeigten Differenzen verantwortlich. Muller kommt mit Bezug zu Fukushima zum Schluss: Die grossflächige Evakuierung würde wohl eher mehr schaden als nützen.

Mitarbeiter, die am Unfallort in Fukushima im Einsatz waren, sollten nicht eine höhere Strahlendosis als 25 REM erhalten haben. Eine solche Dosis führt noch zu keiner Strahlen-Erkrankung. Es erhöht jedoch gemäss Muller die Wahrscheinlichkeit um 1 Prozent, um an Krebs zu erkranken.

Statt mit Tausenden von Todesopfern aufgrund der Kernschmelze rechnet Muller mit rund 100 zusätzlich durch Krebs ausgelöste Todesfällen. «Das ist traurig. Doch die diese Zahl ist winzig im Vergleich zu den 15’000 Tsunami-Toten.» Muller ist Physik-Professor an der University of California, Berkeley.

Nicht zuletzt die erste Studie der WHO von 2012 ist in Erinnerung zu rufen. Die Studie «Preliminary dose estimation from the nuclear accident after the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami» ist als Download verfügar:

26 angesehene Wissenschaftler aus verschiedensten Nationen haben an dieser Studie einen direkten Beitrag geliefert. Sechs weitere Persönlichkeiten waren als Beobacher beteiligt. Die Autoren kam zu folgendem Ergenis – Originaltext: «It can be concluded that the estimated effective doses outside Japan from the Fukushima Daiichi NPP accident are below (and often far below) dose levels regarded as being very small by the international radiological protection community. Low effective doses are also estimated in much of Japan. In the Fukushima prefecture and in neighbouring prefectures the effective doses are estimated to be below 10 mSv (1 REM), which can be considered within the order of magnitude of the natural radiation background, except in two locations. In these two locations in the most affected part of Fukushima prefecture, the effective doses were estimated to be within a dose band of 10–50 mSv. Please see table 3 for more data on effective doses, and table 8 for comparative effective dose levels in different contexts.»
 

Quelle: 
Hans Peter Arnold