17.10.2014

Energiewende: Scheitern wahrscheinlich

Die «Energiestrategie 2050» des Bundesrats, die in der kommenden Wintersession im Nationalrat als Erstrat diskutierte werden soll, stösst ausserhalb des Bundeshauses bei Fachleuten unterschiedlicher Ausrichtung auf massive Kritik. An einer Fachtagung in Bern wurde die Wahrscheinlichkeit, dass die angestrebte Energiewende gelingt, als sehr gering eingeschätzt.

Im Eingangsreferat begründete Eduard Kiener, sozialdemokratischer Direktor des Bundesamts für Energie (BFE) von 1977–2001, seine Sorgen um die heutige Energiepolitik. «Die Zukunft ist nicht der Atomausstieg, sondern der Ersatz der fossilen Energien. Nur das verdient den Namen Energiewende», erklärte er an der Fachtagung «Sinn oder Unsinn der Energiewende» der Stiftung Freiheit & Verantwortung am 1. Oktober 2014 in Bern. Die Option Atomenergie müsse offen bleiben, denn faktische Technologieverbote, wie gegenwärtig von Bundesrat und Parlamentsmehrheit vorgeschlagen, seien noch nie sinnvolle Politik gewesen.

Kiener glaubt als erfahrener Praktiker der Energiepolitik nicht, dass die Energiestrategie 2050 ihre Ziele erreichen wird. Schlimmer noch: Der Atomausstieg und die wie in Deutschland falsch aufgegleiste Förderung erneuerbarer Energien verunmöglichten einen ökonomisch und ökologisch optimalen Strommix in der Schweiz. Am wahrscheinlichsten sei, dass unser Land vermehrt auf den Import von fossil und nuklear erzeugtem Strom zurückgreifen muss – «also das, was man eben gerade nicht will».

Ausblenden der Probleme und der Diskussion

Irène Aegerter, die als ehemalige Vizepräsidentin der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) die Energiepolitik eng begleitet hat, ergänzte den pessimistischen Ausblick mit den Hinweis, die «Energiestrategie 2050» blende einen entscheidenden Baustein, den Netzausbau, aus. Absehbar sei, dass mit jeder weiteren Einspeisung von Zufallsstrom aus Sonne und Wind die Systemkosten für Speicherung und Verteilung massiv zunehmen werden.

Sozialpsychologe Prof. Heinz Gutscher, Präsident der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), warnte seinerseits vor einer Schweigespirale in der Energiepolitik, die eigenes Schweigen weiter verstärke. «Schliesslich stirbt der Diskurs ab», mahnte er. «Und das ist das Gegenteil von Freiheit und Aufklärung.»

Unsinn aus ökonomischer und ökologischer Sicht

Kein Blatt vor den Mund nahm Ökonom Silvio Borner, Professor emeritus der Universität Basel. Er bezeichnete die neue Energiepolitik als ökonomischen Unsinn mit falscher Zielsetzung und absurden Instrumenten. Er bemängelte das Fehlen einer sachlichen Analyse und einer seriösen ökonomischen Diskussion. «Die Energiewende wird durch Interessen und Ideologien in quasi-religiöse Sphären verschoben», hielt er fest. «Wenn Sie gegen die Energiewende sind, dann gelten Sie als schlechter Mensch.»

Für Borner ist klar, dass die Entkoppelung von Stromverbrauch und Wirtschaftsentwicklung im Verbund mit einer Halbierung des Pro-Kopf-Energiekonsums «unweigerlich in einem Wachstums- und Wohlstandsverlust endet». Zudem lehre uns die Technikgeschichte vom Benzinmotor über die Elektrifizierung bis zu den Informationstechniken, dass technologische Wenden auf nicht-zweckgebundener Grundlagenforschung beruhten und sich von unten nach oben durchsetzten. «Staatliche Regulierung und Subventionierung von politisch gewollten Technologiesprüngen von oben enden hingegen immer im Fiasko.»

Ehrung für Eduard Kiener

Im Rahmen der Tagung zeichnete die Stiftung Freiheit & Verantwortung Eduard Kiener für seinen Einsatz für die Schweiz aus. Die Laudatio hielt einer seiner ehemaligen Chefs, Altbundesrat Adolf Ogi.

Die Stiftung Freiheit & Verantwortung zeichnete Eduard Kiener für seinen Einsatz für die Schweiz aus.
Quelle: Academia Engelberg
Quelle: 
M.S.