17.07.2012

Fukushima-Unfall: von Menschen verursacht

Eine vom japanischen Parlament eingesetzte Untersuchungskommission hat am 5. Juli 2012 ihren Bericht zum Reaktorunfall von Fukushima-Daiichi veröffentlicht. Der Unfall wäre vorhersehbar gewesen und hätte verhindert werden können, hält sie im Bericht fest. Die Kommissionsmitglieder schreiben die Unfallursache nicht dem unkalkulierbaren Restrisiko zu. Sie kritisieren vielmehr die mangelhafte Sicherheitskultur auf Behörden- wie auch Betreiberebene.

Für die Nuclear Accident Independent Investigation Commission (NAIIC) haben eine Vielzahl von Fehlern und vorsätzlichen Nachlässigkeiten zum Reaktorunfall von Fukushima-Daiichi geführt. Die Kommission richtet die Kritik sowohl an die Kernkraftwerksbetreiberin Tokyo Electric Power Company (Tepco) wie auch an die staatlichen Aufsichtsbehörden und die Regierung. Mitverantwortlich für den Unfall seien die kulturellen Konventionen Japans, wie etwa die Neigung, Autoritäten nicht zu hinterfragen, reflexartig zu gehorchen oder sich an Systemen und Abläufen festzuklammern. Der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurokawa, spricht im Vorwort der knapp 90-seitigen Berichtszusammenfassung deshalb auch von einem Unfall «made in Japan», denn «die erste Pflicht eines jeden Bürokraten sei die Interessenswahrung seiner Organisation» gewesen. Damit sei das Interesse der Organisationen vor dem zentralen Interesse der öffentlichen Sicherheit gestanden.

Weiter kritisiert die Kommission in ihrem Bericht das Notfallmanagement der Tepco und des damaligen Premierministers Naoto Kan, der im vergangenen Jahr von seinem Amt zurückgetreten ist. Der Reaktorunfall sei das Ergebnis der Absprachen zwischen der Regierung, den Aufsichtsbehörden und der Tepco gewesen sowie des Mangels an Governance von Seiten dieser beteiligten Parteien. Die nukleare Aufsichtsbehörde habe des Weiteren weltweit anerkannte Sicherheitsrichtlinien nur sehr schleppend und widerwillig eingeführt. Im Bericht unterlassen es die Kommissionsmitglieder, gezielt auf Schuldige zu zeigen, die Fehlentscheide getroffen oder nötige Aktionen versäumt haben. Sie sehen die Ursache für den Reaktorunfall vielmehr in der Struktur der Behörden und des «japanischen Systems» als Ganzem.

Die NAIIC

Die NAIIC ist die erste seit Inkrafttreten der geltenden Verfassung Mitte des letzten Jahrhunderts vom Parlament eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission. Ihre zehn Mitglieder kommen aus der Privatwirtschaft und der Forschung. Sie sind keine Kernenergiefachleute. Unabhängig von der Regierung führte die Kommission bei ihren Untersuchungen Interviews mit 1167 Personen. Es wurden neun japanische Kernkraftwerksstandorte besucht, unter ihnen auch Fukushima-Daiichi. Abgesehen von der ersten Kommissionssitzung waren alle Treffen öffentlich und konnten online mitverfolgt werden. Rund 800'000 Personen machten davon Gebrauch, so die NAIIC. Um den Kontakt mit der Bevölkerung bemüht, machte sich die Kommission auch Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook zu Nutze.

Quelle: 
M.B. nach NAIIC, Official Report, Executive Summary, sowie NucNet, 5. Juli 2012