03.03.2014

Grossbritannien: Kernenergie gehört zu den günstigsten «clean energies»

Oft wird behauptet, die britische Strompreisregelung für das geplante neue Kernkraftwerk Hinkley Point C belege, dass Nuklearstrom inzwischen teurer sei als Windstrom. Ein genauer Blick auf die sogenannten «Contracts for Difference» zeigt aber, dass die Kernenergie in Grossbritannien künftig zu den günstigsten umweltschonenden Stromquellen gehören dürfte.

Grossbritannien muss in den kommenden Jahren den Kraftwerkspark umfassend erneuern. Die britische Regierung rechnet allein bis 2020 mit Investitionskosten in der Grössenordnung von GBP 110 Mrd. (CHF 165 Mrd.). Mit der eingeleiteten Strommarktreform will sie erreichen, dass der künftige Kraftwerkspark diversifizierter und der Strommix CO2-ärmer wird – im Einklang mit den EU-Zielen. Dies soll mit möglichst geringen Kosten für die Stromkonsumenten erreicht werden.

Das zentrale Element der Strommarktreform sind die sogenannten «Contracts for Difference» (CfD), ein Strompreismechanismus für die «clean energies», zu denen in Grossbritannien auch die Kernenergie zählt. Die Grundidee dieser Differenzkontrakte ist ein Ausgleich der Preisschwankungen im Strommarkt. Vereinfacht gesagt: Wenn der Grosshandelspreis unter einem festgelegten «strike price» (Ausübungspreis) liegt, wird die Differenz von den Stromkonsumenten getragen. Liegt der Marktpreis dagegen über dem «strike price», dürfen die Produzenten den vereinbarten Preis nicht erhöhen. Die Ausübungspreise werden bei Bedarf an die Inflation angepasst.

Das Ziel: Investitionssicherheit

Der CfD-Mechanismus hat zum Ziel, die Investitionen in CO2-arme Stromerzeugungstechnologien wie Kernenergie, Wasserkraft, Windkraft, Fotovoltaik usw. zu fördern und gleichzeitig die Gewinne der Produzenten zu begrenzen, das heisst, die Interessen der Produzenten und der Konsumenten auszubalancieren. Ohne einen solchen Mechanismus würde heute im liberalisierten Strommarkt Grossbritanniens niemand in CO2-arme Technologien investieren, da Strom aus Erdgas billiger ist – zumindest gegenwärtig.

Durch diesen Mechanismus reduzieren sich die Investitionsrisiken der sauberen Technologien und damit die Zinskosten, was letztlich zu tieferen Preisen für die Stromkonsumenten führt. Die britische Regierung ist der Meinung, dass das bisherige System mit ansteigenden Erneuerbare-Energien-Quoten für die Stromversorger wie auch CO2-Abgaben für das anvisierte Ziel ungeeignete Instrumente bietet.

Vereinbarung über Hinkley Point C

Nach langen Verhandlungen erzielte die Regierung im Oktober 2013 eine Einigung über den «strike price» für das von der Electricité de France (EDF) geplante neue Kernkraftwerk Hinkley Point C in der Grafschaft Somerset an der Westküste Englands. Für den Strom aus den beiden EPR der Gruppe Areva SA (je 1600 MW elektrisch) gilt demnach ein «strike price» von GBP 92,50 je MWh, und zwar für 35 Jahre. Dieser Preis schliesst die Kosten für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle und den Rückbau des Werks am Ende seiner technischen Betriebsdauer mit ein.

Die Vereinbarung sieht weiter vor: Falls die EDF beschliesst, auch das geplante Kernkraftwerk Sizewell C mit zwei weiteren EPR an der Ostküste zu bauen, sinkt der «strike price» für Hinkley Point C auf GBP 89,50. Damit sollen die durch die zunehmende Erfahrung erwarteten Kostenreduktionen beim Bau von Sizewell C auf das Werk Hinkley Point C übertragen werden.

Stabilisierung der zukünftigen Strompreise

Der «strike price» gilt, sobald Hinkley Point C mit der Stromproduktion beginnt. Das dürfte voraussichtlich im Jahr 2023 der Fall sein – der vereinbarte Basispreis gilt somit erst im zukünftigen Strommarkt. Die Vereinbarung zwischen der EDF und der Regierung verspricht stabile und vermutlich vergleichsweise tiefe Strompreise für die Zukunft. Falls nämlich in den kommenden Jahrzehnten die Grosshandelspreise über den «strike price» steigen, müssen die Konsumenten deswegen nicht höhere Preise für den Strom aus Hinkley Point C bezahlen. Zudem hat sich die EDF verpflichtet, den Ausübungspreis zugunsten der Konsumenten zu senken, falls beim Bau von Hinkley Point C Kostenreduktionen erzielt werden können.

Auch für die erneuerbaren Energien

Solche «strike prices» gibt es auch für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Die untenstehende Tabelle gibt eine Übersicht über die Ende 2013 vereinbarten Ausübungspreise bis Ende des Jahrzehnts. Zum Vergleich: Zurzeit liegen die Grosshandelspreise für Strom in Grossbritannien im Bereich von GBP 50–60/MWh. Allerdings schwanken sie stark und lagen beispielsweise im Jahr 2008 bei GBP 90/MWh.

Mit ihren jüngsten Beschlüssen vom Dezember 2013 hat die Regierung die Ausübungspreise für Offshore-Windanlagen erhöht und jene für Onshore-Windparks und grosse Fotovoltaikanlagen gesenkt. In Grossbritannien gibt es starken politischen Widerstand gegen Windturbinen an Land.

Starke Opposition gegen Windräder: Clyde Wind Farm in Schottland.
Quelle: Olive Repton

Preissenkungen bei Kernkraftwerken erwartet

Aus den Zahlen der Tabelle geht hervor: Hinkley Point C erhielt aus heutiger Sicht einen der tiefsten «strike prices». Die Basispreise für Strom aus neuen Kernkraftwerken haben zudem das Potenzial, weiter zu fallen, falls in Grossbritannien wie vorgesehen neben den vier EPR weitere Kernkraftwerke gebaut werden (der «strike price» wird für jedes künftige Kernkraftwerk neu ausgehandelt). Günstiger ist derzeit nur der Basispreis für Strom aus der Abfallverbrennung, aus Kläranlagengas und aus Deponiegas. Der vergleichsweise ebenfalls niedrige «strike price» für Onshore-Windparks ist insofern etwas irreführend, da Systemkosten wie der notwendige Ausbau der Stromnetze, Speicheranlagen oder Back-up-Kraftwerke nicht in den Ausübungspreisen der fluktuierenden und dezentralen neuen erneuerbaren Energien enthalten sind.

Die EU-Kommission prüft derzeit die Förderung von Windenergie und die Vereinbarung für Hinkley Point C auf ihre Verträglichkeit mit den Wettbewerbsregeln in der EU.

Quelle: 
M.S. nach diversen Quellen