27.01.2005

PSI: grosses Zukunftspotenzial für die Kernenergie in der Schweiz

Bei einem Ersatz der heutigen Schweizer Kernkraftwerke durch neue Anlagen der Generation III (von der Art des «European pressurized water reactor» EPR) an den bisherigen Standorten kann der heutige Anteil der Kernenergie am schweizerischen Strommix von rund 40% etwa gehalten werden - auch bei der zu erwartenden Stromverbrauchszunahme. Falls beim Ersatz des jüngsten Kernkraftwerks, Leibstadt, bereits ein Reaktor der Generation IV einsatzbereit ist, könnte dieser Anteil sogar auf 50% gesteigert werden. Zu diesen Ergebnissen kommt der Berichtsentwurf «Erneuerbare Energien und neue Nuklearanlagen», der von einem Projektteam des Paul Scherrer Instituts (PSI) zuhanden des Bundesamts für Energie (BFE) erarbeitet worden ist.

Der Berichtsentwurf gehört zu einer Reihe von Studien von unabhängigen Experten, die das BFE unter dem Titel «Energieperspektiven 2035/2050» im Auftrag des Bundesrats durchführen lässt. Der Berichtsentwurf «Erneuerbare Energien und neue Nuklearanlagen» wird gegenwärtig von Experten diskutiert. Die Endfassung soll Ende Februar 2005 vorliegen. Der Bericht beschreibt die technischen und wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven der verschiedenen Möglichkeiten der Stromerzeugung. Dargestellt werden Kleinwasserkraftwerke, Windenergie, Biomasse, Photovoltaik, solarthermische und solarchemische Kraftwerke, Géothermie, Wellenkraft und neue Nuklearanlagen.

Szenarien für den Ersatz der heutigen Kernkraftwerke

Das Kapitel «Neue Nuklearanlagen» gibt einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Reaktorsysteme der Generationen III/III+ und IV (die meisten der heute in Betrieb stehenden Kernkraftwerke gehören der Generation II an). Bei der Abschätzung des Zukunftspotenzials in der Schweiz gehen die PSI-Experten davon aus, dass die Schweiz im Rahmen der Generation III/III+ nicht von der Leichtwasserreaktor-Technologie abweichen wird und neue Standorte politisch kaum durchsetzbar wären. Aufgrund dieser Annahmen entwirft das PSI mehrere Szenarien:

    - Beznau-1, Beznau-2 und Mühleberg werden bis 2020 durch ein einziges Kernkraftwerk mit gleicher Gesamtleistung (ca. 1000 MW) ersetzt. Ebenso werden Gösgen und Leibstadt in den Jahren 2040 bzw. 2045 durch Anlagen gleicher Leistung abgelöst. Der Anteil der Kernenergie am Schweizer Strommix würde - wegen des zunehmenden Stromverbrauchs - im Jahr 2035 auf 33% und bis 2050 auf 30% absinken.
    - Beznau-1, Beznau-2 und Mühleberg werden durch einen EPR mit 1600 MW Leistung ersetzt. Später werden Gösgen und Leibstadt ebenfalls durch je einen EPR abgelöst. Dieses Szenario führt zu einer Produktionssteigerung von 16% bis 2035 bzw. von 47% bis 2050.Der Nuklearstromanteil sänke wegen der Stromverbrauchszunahme bis 2035 auf 38%, um bis 2050 wieder auf 43% zu steigen.
    - Falls Leibstadt bereits von einem Kernkraftwerk der Generation IV mit höherem Wirkungsgradabgelöst würde, könnte die Atomstromproduktion an den bestehenden Standorten gegenüber heute gar um 72% gesteigert werden, bei einem Nuklearanteil am Strommix von 51 % im Jahr 2050.

Atomstrom auch in Zukunft konkurrenzfähig

Bei der Kostenanalyse weist der Berichtsentwurf darauf hin, dass die Preise für Nuklearstrom je nach Zinsniveau, Abschreibungsregeln, aktuellem Stand der Abschreibungen und allfälligen Nachrüstungen recht unterschiedlich sind. Die Autoren kommen jedoch zum Schluss, dass die fortgeschrittenen Kernkraftwerke der Generation III/III+ gegenüber den heute favorisierten Gaskraftwerken konkurrenzfähig sind. Bei einer allfälligen Einführung einer CO2-Abgabe würde ihre Wirtschaftlichkeit weiter verbessert, bei steigenden Zinsen verschlechtert. Bei der Einführung von Kernkraftwerken des Typs EPR rechnen die Autoren insgesamt mit leicht sinkenden Stromerzeugungskosten.
Abschliessend kommt der Berichtsentwurf zum Schluss, dass das Potenzial der Kernenergie an den bestehenden Standorten es erlaubt, den heutigen praktisch CO2-freien Strommix beizubehalten, auch im Fall einer massig steigenden Stromnachfrage. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit eines Kernschmelzunfalls in den neuen Kernkraftwerke weiter reduziert worden, und ihre Auslegung beschränke die Auswirkungen auch schwerster Unfälle auf die Anlage selbst, so dass keine Belastungen für die Umwelt entstünden. Schliesslich könnten bei der Einführung der Generation IV die Abfallmengen stark reduziert und ihre Strahlengiftigkeit erheblich vermindert werden. Entscheidend für die Nutzung des Potenzials der Kernenergie werde aber letztlich deren Akzeptanz in der Bevölkerung sein. Diese wiederum werde stark vom Vertrauen in diese Technologie und von der Lösung der Endlagerfrage beeinflusst, aber auch von der allgemeinen Wirtschaftslage.
Der Bericht «Erneuerbare Energien und neue Nuklearanlagen» (final draft) kann von der Website des BFE heruntergeladen werden.

Quelle: 
M.S. nach BFE, Medienmitteilung, 28. Januar 2005, und Bericht des PSI, Final Draft, 24. September 2004