10.12.2012

Realismus kehrt zurück

Neuste Umfragen zeigen, dass die kernenergiefeindliche Stimmung in der Schweiz schwindet, und bestätigen damit frühere Trendmeldungen des Bulletis des Nuklearforums Schweiz.

Die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung, die im Jahr 2011 aufgrund des Reaktorunfalls in Fukushima-Daiichi bei der Schweizer Bevölkerung massiv in die Höhe geschnellt war, hat 2012 wieder stark abgenommen. Dies zeigt das im Auftrag der Aduno-Gruppe durchgeführte Angstbarometer 2012 des Forschungsinstituts GFS-Zürich. Stark zugenommen hat hingegen die Angst vor Überfremdung durch Ausländer und Flüchtlinge.

Vergleicht man die Ängste der Schweizer Bevölkerung im Jahr 2012 mit denjenigen von 2011, so fällt gemäss GFS auf, dass viele Ängste, die 2011 stark zugenommen haben, 2012 wieder deutlich zurückgegangen sind. Am stärksten abgenommen habe 2012 die Angst vor einer Atomverseuchung (-0,4 Punkte auf einer Skala von 1=keine bis 10=grosse Bedrohung). 2011 hatte die Kernkraftwerkhavarie in Fukushima-Daiichi dazu geführt, dass die Angst vor einer Atomverseuchung in allen soziodemografischen Gruppen gegenüber 2010 deutlich angestiegen war (im Durchschnitt +0,6 Punkte). In diesem Jahr ist der Index schon fast wieder auf den Stand von vor der Katastrophe zurückgegangen und notiert aktuell bei 5,3 Punkten. GFS im Originalton: «Dies zeigt, wie schnell Ängste, die durch ein aktuelles Ereignis ausgelöst werden, wieder verpuffen können.» Dieser Verpuffungs-Effekt sei auch bei fast allen soziodemografischen Gruppen zu beobachten. Eine Ausnahme bilde die Westschweiz. Hier gaben die Befragten 2012 den gleich hohen Wert (6,1) an wie 2011.

Diese für Atomausstiegsturbos wenig erfreuliche Nachricht hat es nicht in alle Medien geschafft. So hat das Schweizer Fernsehen dieses Thema beinahe totgeschwiegen. Die SRG beschäftigt schweizweit rund 6000 Mitarbeitende und hat im Bereich Fernsehen eine monopolähnliche Stellung. Einzig auf der Website SF.tv wird das Barometer im Zusammenhang mit der Ausstiegsinitiative der Grünen erwähnt. Titel: «Riskante Atomausstiegs-Initiative der Grünen». Und weiter: «Eigentlich ist der Atomausstieg beschlossene Sache, Bundesrat und Parlament haben zugestimmt. Umfragen aber zeigen, dass die Erinnerung an Fukushima verblasst und die Angst vor der Atomenergie schwindet. In diesem Klima wollen die Grünen den Ausstieg vom Volk besiegeln lassen. Ein Eigentor? Die Angst der Schweizer Bevölkerung vor einem Unfall in einem Atomkraftwerk ist gesunken. Sie ist unterdessen wieder so gross wie vor Fukushima, wie eine Umfrage des Forschungsinstituts GFS zeigt.»

Grösser publiziert hat die Umfrage Newsnetz.ch/TagesAnzeiger (online), wobei der Titel auf einem anderen Aspekt lag («Linke Angst vor Überfremdung»). Ähnlich die Gewichtung bei der Berner Zeitung und Basler Zeitung. Den Aspekt Kernenergie als Hauptthema hatte die Zeitungen Der Bund, Die Südostschweiz, 20 Minuten, 20min.ch und der Walliser Bote. 20 Minuten titelte: «Angst vor Atomkraft weg – nun wackelt der Ausstieg». Und weiter: Die Schweizer würden sich kaum mehr vor einem Super-GAU fürchten. Der Atomausstieg werde damit in Frage gestellt. Diese Entwicklung sei Wasser auf die Mühlen der Atomkraft-Befürworter: «Die Studie bestätigt, dass der Atomausstieg voreilig und aus Hysterie beschlossen wurde», sagte SVP-Nationalrat Hans Killer gegenüber 20 Minuten. Für ihn sei klar: «Der Atomausstieg sei noch nicht in Stein gemeisselt.» Christian Wasserfallen (FDP) meinte gegenüber 20 Minuten – an Uvek-Vorsteherin Doris Leuthard gerichtet: «Die Zeit der leeren Worthülsen ist vorbei.» Seine Ankündigung: Atomausstieg sei das eine, dessen Umsetzung das andere. «Es liegt bis heute wenig Konkretes auf dem Tisch.» Franziska Teuscher (Grüne) sieht das natürlich anders: «Die Zeichen stehen noch immer auf Atomausstieg.» Im November reichte sie die Unterschriftenbögen für die Ausstiegsinitiative ein. Unabhängig davon wird der Bundesrat im Frühling 2013 seine Botschaft zur Energiepolitik 2050 präsentieren. Dann ist das Parlament am Zug. «Falls es den Atomausstieg beschliesst, wird aber höchstwahrscheinlich das Volk per Referendum das letzte Wort haben», so Politologe Georg Lutz gegenüber 20 Minuten.

Das GFS bestätigt eine Entwicklung, die das Bulletin des Nuklearforums mit der Veröffentlichung mehrerer Umfrageergebnisse bereits vorgezeichnet hat.

Zwischen dem 16. August und dem 10. September 2012 befragte das GFS in einer repräsentativen Telefonumfrage 1010 Bewohner der Deutsch- und Westschweiz zu ihrem Bedrohungsempfinden. Den Befragten wurden 31 Bedrohungslagen genannt, mit der Bitte, anhand einer 10er-Skala das Ausmass anzugeben, wie stark sie sich in den jeweiligen Bereichen persönlich beunruhigt oder bedroht fühlen. Die Mittelwerte verweisen auf das jeweilige Angstpotenzial. Das GFS-Angstbarometer wird seit 1978 geführt.

Quelle: 
Hans Peter Arnold