25.09.2008

SES-Tagung: Neue Atomkraftwerke in der Schweiz – Fehlinvestition oder Goldesel?

An der Fachtagung der Schweizerischen Energiestiftung (SES) am 12. September 2008 in Zürich wurde einmal mehr die Frage nach der Notwendigkeit neuer Kernkraftwerke in der Schweiz diskutiert. Trotz antinuklearer Grundhaltung der Mehrzahl der Referenten blieben am Ende klare Argumente für die Kernenergie in der Schweiz stehen.

Die Tagung wurde mit der Betrachtung wirtschaftlicher Aspekte neuer Kernkraftwerke, insbesondere der Investitionskosten und der zukünftigen Gestehungskosten des Stroms, eröffnet. Kaspar Müller, Analyst der Beratungsfirma Ellipson AG, warf der Schweizer Stromwirtschaft fehlende Transparenz vor, weswegen neue Kernkraftwerksprojekte eine zu unsichere Investition seien. Auch sei das geringe Eigenkapital der Kernkraftwerke ein hoher Risikofaktor. Diesen schätzte UBS-Finanzanalyst Thomas Schneckenburger bei Investitionen in neue Kernkraftwerke hingegen als gering ein. Er präsentierte Methoden zur Bewertung solcher Grossprojekte und kam zum Schluss, dass neue Kernkraftwerke eine durchaus lohnende Investition für Aktionäre seien.

Steigender Strompreis

Einigkeit herrschte über den künftig höheren Strompreis. Manfred Thumann, CEO der NOK, legte dar, dass der Schweizer Strommix aus Wasserkraft und Kernenergie im europäischen Vergleich günstige und relativ stabile Strompreise ermögliche. Dies sei im internationalen Markt ein enormer ökonomischer Vorteil. Langfristig sieht Thumann die Stromgestehungskosten möglicher neuer Kernkraftwerke bei 6 Rappen pro kWh, wobei sie gegen Ende der Betriebszeit auf ungefähr 4 Rappen pro kWh sinken würden.

Ausgewogener Energiemix im Fokus

Einen politischen Ausblick gab Walter Steinmann, Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE). Er betonte, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz Vorrang vor neuen Kernkraftwerken hätten. Weiter plädierte er - übereinstimmend mit der Energiepolitik des Bundesrates - für einen ausgewogenen und CO2-armen Energiemix, der Kernenergie beinhaltet, aber auch Gaskombi-Kraftwerke nicht ausschliesst.

Jürgen Trittin, ehemaliger Umweltminister Deutschlands und Mitglied der Grünen, sowie Rudolf Rechsteiner, Basler SP-Nationalrat, machten sich stark für die Nutzung von Windkraftwerken, wobei Rechsteiner versuchte, diese gegen Kernkraftwerke auszuspielen. Wind könne auch als Bandenergie eingesetzt werden, zeigte er sich überzeugt.

Stefan Hirschberg vom Paul Scherrer Institut (PSI) stellte die wissenschaftliche Sicht vor und verglich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Stromproduktionsarten. Sein Fazit: Ideal ist ein Strommix, der sowohl die erneuerbaren Energien als auch die Kernenergie beinhaltet, um Versorgungssicherheit klimafreundlich garantieren zu können.

Energieeffizienz allein reicht nicht aus

Dass Energieeffizienz eine wichtige Rolle bei der zukünftigen Energieversorgung spielt, bezweifelte keiner der Redner. Amory B. Lovins vom amerikanischen Rocky Mountain Institute stellte Möglichkeiten der Energieeinsparung vor, die sein Forschungsinstitut zum Teil schon erfolgreich in der Praxis getestet habe. Dass aber für die Schweiz Effizienz allein ausreiche, um die in den nächsten Jahren wegfallenden Kapazitäten der ältesten Kernkraftwerke Mühleberg und Beznau sowie die auslaufenden Importverträge mit Frankreich auszugleichen, konnte er nicht realistisch darlegen. Glaubhaft war hingegen die Argumentation von Schneckenburger. Er machte zukünftige Substitutionseffekte bei fossilen Brennstoffen vor allem in der Automobilbranche aus, die jedoch einen höheren Stromverbrauch bedeuteten.

Die mit ungefähr 300 Teilnehmenden gut besuchte Tagung endete mit einer Podiumsdiskussion, an der das Publikum seine Fragen vor allem an Manfred Thumann, den einzigen Vertreter der Schweizer Stromwirtschaft, richtete. Thumann machte deutlich, dass die Kernenergie dank hoher Versorgungssicherheit und verlässlicher Strompreise unschlagbar sei. Zusammen mit Wasserkraft und erneuerbaren Energien bilde sie einen zukunftsorientierten Strommix für die Schweiz.

Quelle: 
M.R.