Ausschliesslich im E-Bulletin
29.06.2011

Stand der Aufräumarbeiten in Fukushima-Daiichi Mitte Juni 2011

Die Aufräumarbeiten im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi gehen voran. Es wäre verfrüht von einer Stabilisation zu sprechen, doch scheint die grösste Gefahr – die Bedrohung der Bevölkerung durch gefährliche Strahlendosen – bald behoben zu sein. Tausende japanische und ausländische Fachkräfte stehen im Wettlauf mit der Zeit.

In die Reaktoren 1, 2 und 3 sowie in die Brennelement-Lagerbecken der Einheiten 1–4 wird zur Kühlung weiterhin im offenen Kreislauf Süsswasser gepumpt. In den Reaktoren 1–3 war kurz nach Unfallbeginn Brennstoff geschmolzen ist. Ein Teil des Brennstoffs ist anscheinend bis zum Boden des Reaktordruckgefässes gelangt (siehe Grafik). Dadurch könnten Druckgefässe beschädigt worden sein.

Schema der Siedewasserreaktoren 1–3 in Fukushima-Daiichi.


Die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Co. (Tepco) verfolgt einen Massnahmenplan, der darauf abzielt, das Entweichen von Radioaktivität einzudämmen und diese signifikant zu senken (Bulletin 5/2011). Dieser Plan hat vier Hauptziele: die Kühlung der Reaktorkerne und der Brennstoff-Lagerbecken, die Stabilisation der Containments, die Dekontamination des bestrahlten Wassers und den Schutz der Arbeiter.

Die Arbeiten in den Untergeschossen (UG) der Reaktorgebäude finden weiterhin unter schwierigen Bedingungen statt. Von einer wirksamen Stabilisierung der Situation kann noch nicht gesprochen werden. Ein Roboter hat im UG unter Reaktor 1 hochaktive Dämpfe festgestellt, die jegliche von Menschen durchzuführende Arbeit verhindern. Im UG von Reaktorgebäude 2 ist die Luftfeuchtigkeit so hoch (99%), dass sich auch dort kein Mensch aufhalten kann. Ein Luftfiltersystem wird installiert, damit möglichst bald die Türen geöffnet und die Räume betreten werden können. Bei Reaktorgebäude 3 werden radioaktive Trümmer entfernt, damit auch dort das UG betreten werden kann.

Bei der Kühlung der Brennelemente-Lagerbecken wurden wichtige Fortschritte erzielt. Beim Becken von Reaktor 2 wurde ein Notsystem installiert, mit dessen Hilfe die Wassertemperatur anfangs Juni beinahe auf den Normalwert gesenkt werden konnte. Das gleiche System wird momentan bei den Reaktoren 1, 3 und 4 installiert.

Grosse Mengen Wasser – laut Tepco mehr als 100'000 t – wurden zur Kühlung des Kernbrennstoffs verwendet und haben sich in den Einheiten 1–4 angesammelt (Turbinengebäude und unterirdische Stollen). In Rekordzeit wurde mit Unterstützung der französischen Firma Areva ein Dekontaminationssystem gebaut. Obwohl das System seine volle Leistung noch nicht erreicht hat, konnten seit dem 17. Juni mehrere hundert Tonnen Wasser gereinigt werden.

Im Gegensatz zu den materiellen, finanziellen und energiewirtschaftlichen Schäden des Unglücks vom 11. März 2011 dürften die Gesundheitsschäden vernachlässigbar bleiben. Fast 200'000 Anwohner der beschädigten Anlagen wurden kontrolliert und in keinem Fall waren die gesetzlichen Höchstdosen für Strahlung überschritten worden.

Das ist auch bei den 7800 Fachkräften der Fall. Sie zeigten Dosiswerte von durchschnittlich 7,7 Millisievert (mSv) bei einem gesetzlichen Höchstwert von 50 mSv. Statistisch relevante Gesundheitsrisiken dürften erst ab knapp 500 mSv auftreten. Im Verlauf der ersten Tage nach der Naturkatastrophe wurden zwei Angestellte, die sich ohne Schutzausrüstung in einer hoch kontaminierten Zone aufhielten, einer Strahlung von über 600 Millisievert ausgesetzt. Sie befinden sich in ärztlicher Kontrolle und ihr Gesundheitszustand gibt keinen Anlass zur Sorge.

Für die zuständigen Stellen in Japan besteht noch kein Anlass zu Jubel. Solange nicht alle Strahlenquellen im Wasser und in der Luft isoliert werden können, bestehen Kontaminationsrisiken. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, diese Strahlenquellen bis Ende Sommer einzuschliessen. Danach werden drei bis sechs Monate nötig sein, um die Umgebung der Anlagen zu dekontaminieren. Im besten Fall dürften die Bewohner der Region im Verlauf von 2012 dauerhaft in ihre Heimat zurückkehren können

Quelle: 
M.Re. nach Jean-Pierre Bommer, FRE, Autorité de sûreté nucléaire, Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire und «Die Weltwoche»