29.05.2006

Stromvorschau des VSE: «Nun ist die Politik gefordert»

In Fortsetzung einer langen Reihe früherer Arbeiten hat der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) am 30. Mai 2006 den Bericht «Vorschau 2006 auf die Elektrizitätsversorgung der Schweiz im Zeitraum bis 2035/2050» publiziert.

Wie bereits eine entsprechende Studie der Axpo und die noch laufenden Szenarien der Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie prognostiziert auch der VSE eine massive Versorgungslücke, falls nicht neue Grosskraftwerke gebaut werden.

Stromverbrauch steigt auch mit Sparmassnahmen

In seiner Vorschau geht der VSE davon aus, dass die Stromnachfrage trotz Effizienzverbesserungen weiter ansteigen wird. So übersteigen Zahl und Grosse von neuen Elektrogeräten und -anlagen die Einsparpotenziale, die manchmal erheblich sein können. Zudem führen Einsparungen bei anderen Energieträgern oft zu einem höheren Stromverbrauch. Dies belegt der zunehmende Einsatz von Wärmepumpen.
«Offen ist lediglich die Frage, wie rasch und stark der Stromverbrauch steigen wird», hält der VSE fest. Deshalb beschreibt der Verband den künftigen Stromverbrauch mit einem Nachfragekorridor. Am oberen Rand steigt dabei der Verbrauch von heute 60 Mrd. kWh auf rund 85 Mrd. kWh im Jahr 2035 und auf 91 Mrd. kWh bis 2050. Am unteren Rand der Prognose steigt der Verbrauch bis 2035 auf 71 Mrd. kWh und stabilisiert sich anschliessend auf diesem Niveau.

Klare Absage an Importstrategie

Des VSE weist darauf hin, dass die Schweiz bereits im vergangenen Jahr mehr Strom verbraucht als produziert hat. Diese Lücke konnte kurzfristig mit Lieferungen aus dem Ausland geschlossen werden. Der VSE ist jedoch dezidiert der Meinung, dass für eine nachhaltig sichere Versorgung der Schweiz die Importstrategie keine Lösung ist: «Die Schweiz kann sich grundsätzlich nicht darauf verlassen, aus europäischen Quellen und unter Inanspruchnahme des europäischen Verbundnetzes ihren Strombedarf in grösserem Umfang problemlos zu decken.» Diese Einschätzung beruht unter anderem auf einer Studie, die der VSE im Jahr 2005 bei der ETH Lausanne in Auftrag gegeben hat (EPFL, Laboratoire des réseaux électriques: Impact de l'évolution des bilans de puissance et d'énergie, ainsi que de la capacité des réseaux de transport en Europe sur les perspectives d'approvisionnement à long terme de la Suisse, horizon 2035 à 2050).
Die Schweiz sollte daher - in Übereinstimmung mit einer kürzlich verabschiedeten EU-Richtlinie zur Versorgungssicherheit - im durchschnittlichen Winterhalbjahr eine ausgeglichene Import-Export-Bilanz anstreben. Insbesondere in Engpasssituationen, wie sie vor allem bei winterlichen Kältewellen drohen, müsse die Schweiz auf genügend inländische Produktionskapazität zurückgreifen können. In seinen Szenarien geht der VSE daher von der Nachfragedeckung in einem mittleren Winterhalbjahraus.

Energiemix auf zwei Haupt- und zwei Nebenpfeilern

Zur Deckung der Versorgungslücke setzt der VSE auf einen Kraftwerksmix, der sich auf zwei Hauptpfeiler stützt:

  • Die Wasserkraft soll, wo noch möglich, ausgebaut werden. Ihr Potenzial liegt vor allem in der Leistungsreserve.
  • Auf die Kernenergie darf nicht verzichtet werden. Sie liefert zuverlässig, kostengünstig und umweltschonend grosse Energiemengen.

Dazu kommen noch zwei ergänzende Nebenpfeiler:

  • Die neuen erneuerbaren Energien sind vermehrt zu nutzen. Allerdings ist ihr technisches und wirtschaftliches Wachstumspotenzial beschränkt.
  • Der Bau von Erdgaskraftwerken erhöht die Flexibilität und bietet eine gute Übergangslösung. Er setzt aber die Klärung der Genehmigungsverfahren und der Schweizer CO2-Politik voraus.

Schrumpfendes «Sockelangebot»

Bei seiner Angebotsplanung für die kommenden Jahrzehnte setzt der VSE ein so genanntes «Sockelangebot» voraus. Dieses umfasst

  • die Reduktion der jährlichen Wasserstromproduktion aufgrund von Restwasservorschriften und Klimaänderungen um insgesamt 2,5 Mrd. kWh bis 2050 sowie Leistungserhöhungen von rund 2000 MW bei den Wasserkraftwerken
  • eine Laufzeit von je 60 Jahren der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt und von je 50 Jahren von Beznau-1 und -2 sowie Mühleberg
  • die bestehenden Importverträge mit Frankreich
  • die «optimistisch-realistische» Annahme von zusätzlich 5 Mrd. kWh aus den neuen erneuerbaren Energien bis 2035 bzw. 10 Mrd. kWh bis 2050
  • den Bau von gasbefeuerten Kombianlagen mit insgesamt 800 MW
  • den kontinuierlichen Ausbau konventionellthermischer Anlagen wie Wärme-Kraft-Koppelung und Kehrichtverbrennungsanlagen auf eine Gesamtproduktion von 4,5 Mrd. kWh ab 2030

Unter diesen Annahmen entstehen ab 2021 in einem durchschnittlichen Winterhalbjahr zunehmend grösser werdende Versorgungsengpässe.

Kernenergie mit Preis- und Umweltvorteilen

Zur Schliessung der Lücke hat der VSE drei Angebotsvarianten erarbeitet:

  • Variante A: Deckung des gesamten Mankos im Winterhalbjahr mit drei neuen Kernkraftwerksblöcken mit je 1500 MW, die in den Jahren 2025, 2034 und 2043 den Betrieb aufnehmen und je 12 Mrd. kWh jährlich erzeugen
  • Variante B: volle Konzentration auf Erdgas-Kombikraftwerke. Angenommen wird, dass in den Jahren ab 2020 total 12 Blöcke erstellt werden, die je 3 Mrd. kWh jährlich erzeugen. Zusammen mit dem Mehrausstoss der Erdgaskraftwerke im Sockelangebot steigt bei dieser Variante der CO2-Ausstoss der Schweiz gegenüber heute um 16%.
  • Variante C: Mix aus neuen Erdgas-Kombikraftwerken und Kernkraftwerken. Bei dieser Variante stehen im Jahr 2050 sechs Erdgas-Kombianlagen und drei gegenüber der Variante A etwas kleinere Kernkraftwerke (1000 MW) in Betrieb. Der zusätzliche CO2-Ausstoss der Schweiz steigt zusammen mit den Gaskraftwerken im Sockelangebot gegenüber heute um 8%.

Bei der qualitativen Beurteilung der drei Angebotsoptionen kommt der VSE zum Schluss, dass alle Varianten Vor- und Nachteile haben. Immerhin sind die Kosten der zusätzlichen Stromerzeugung wie auch die CO2-Emissionen bei der reinen Kernenergie-Variante klar am niedrigsten, und insgesamt wird die reine Kernenergievariante am günstigsten beurteilt.

Bewilligungsverfahren entschlacken

Der VSE unterstreicht, dass die Versorgungssicherheit der Schweiz nur dann gewährleistet werden kann, wenn innert nützlicher Frist gehandelt wird. «Die Strombranche ist bereit dazu und plant in den nächsten Jahrzehnten Investitionen im Milliardenbereich», schreibt der Verband. «Nun ist die Politik gefordert: Eine zügige Durchführung von Verfahren und verlässliche staatliche Regeln sind notwendig. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Bau von Kraftwerken und Netzen sind zu komplex und zeitintensiv. Die Politik ist jetzt aufgefordert, die Weichen für die zukünftige Sicherheit der Stromversorgung zu stellen.» Insbesondere für den Ersatz bestehender Kernkraftwerke seien rasche Entscheide unabdingbar.

Quelle: 
M.S. nach VSE, Medienmitteilung und Bericht, 30. Mai 2006