12.11.2013

Günstiges Uran für Kernkraftwerke

Strom zu tiefen Preisen liegt im Interesse der Unternehmer wie der Privathaushalte. Gerade beim Kernbrennstoff zeigt der Preistrend hin zu einer weiteren Entspannung. Aufgrund der Knappheit der Ressourcen gibt es da und dort Warnungen eines künftigen Preisschocks. Doch ein Blick zurück zeigt, dass solche Meldungen in regelmässigen Abständen auftauchen.

Die Krisen im Nahen Osten – sei es Ägypten oder Syrien – haben zuletzt verschiedene Rohstoffpreise in die Höhe getrieben. Ein Fass der Rohölsorte Brent (157 Liter) stieg zeitweise über USD 112 und erreichte damit fast den historischen Höchstkurs von USD 126 im Jahr 2012. Die Treibstoff- und Heizölpreise folgten dieser Entwicklung auf dem Fuss. Ganz anders der Trend beim Preis für Uran, der seit 2011 fällt. Zuletzt kostete ein Pfund Uranoxid USD 35.

Diese Entwicklung kommt den Kernkraftwerkbetreibern entgegen – wohlwissend, dass viele Betreiber über langfristige Lieferverträge verfügen, die Einkaufspreise gegen eine allfällige Preisexplosion abgesichert haben und den Betriebsstoff nicht über den Spot-Markt erwerben müssen. Kommt hinzu, dass der Betrieb eines Kernkraftwerks an sich während des gesamten Lebenszyklus (mit Berücksichtigung von Bau und Rückbau) mit vergleichsweise tiefem Aufwand verbunden ist.

Kommentatoren weisen mit Blick auf den fallenden Preistrend beim Uran häufig auf Fukushima und die Energiewenden einiger Länder hin, die einen zu erwartenden Nachfragerückgang auslösen und sich jetzt schon in den Preisen niederschlagen würden. Diese Interpretation scheint jedoch höchst gewagt. Nur in wenigen Ländern wie in Deutschland ist – Stand heute – die Abkehr von der Kernenergie so gut wie beschlossen. Gerade grosse Schwellenländer wollen auf das vorzügliche Preis-Leistungsverhältnis der nuklearen Energiequelle nicht verzichten. Allen voran treibt China den Bau neuer Kernkraftwerken zügig voran. Genau diesen Megatrend zeichnen jene Analysten, die die Uranpreis-Entwicklung mit einem weiteren zeitlichen Horizont beobachten: Bis 2005 dümpelte nämlich das Pfund Uranoxid bei etwas über USD 10. Uran bleibt also sehr wohl ein gefragtes Gut und reflektiert den globalen Trend hin zur Atomkraft.

Generell zeichnet sich die Preisentwicklung des Kernbrennstoffs durch eine im Vergleich zu den übrigen Energieträgern geringe Volatilität aus. Preisstabilisierend wirkt einerseits der Beitrag aus der Auflösung militärischer Bestände. Andererseits hat sich eine breite Industrie gebildet, die Uran abbaut und sich gegenseitig in Schach hält. Es gibt keinen Monopolisten, der das Marktgeschehen dominieren könnte. Der Hyperwettbewerb führt zu tiefen Margen. Die Mehrheit der Uranminen schreibe kaum schwarze Zahlen, selbst wenn der Preis um USD 40 pendeln würde, wird Gavin Wendt vom australischen Research-Unternehmen Mine-Life in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zitiert. Die Gewinnschwelle wird bei den meisten Minen bei Preisen zwischen USD 25 und 40 vermutet.

Vanessa Guthrie, CEO des Uranprojektentwicklers Toro Energy: «Ich glaube nicht, dass die Ereignisse in Japan begonnene Projekte lange verzögern oder sogar beenden werden.» China werde weitere Kernkraftwerke bauen. Das werde die Preise treiben und damit die Industrie in Schwung bringen. Langsam werde das Business wieder lukrativer, rechnet die FAZ vor: Die weltweit 435 Atomkraftwerke würden in diesem Jahr mit erwarteten gut 60‘000 t rund 20% mehr Uran verbrauchen, als die Minen zu derzeitigen Preisen förderten.  Die Zeitung zitiert Analysten, dass die Kapazität der Atomkraftwerke innerhalb der nächsten zehn Jahre um 66% auf 624’000 MW steigen werde. Dies führe zu einer um 58% höheren Nachfrage nach Uran auf 107’000 t im Jahr.

Es ist kaum ein Zufall, dass die meisten Analysten, die sich mit der Nachfrage und dem Angebot von Uran befassen, in Australien arbeiten. Schliesslich besitzt Australien fünf Uranminen und gehört zu den wichtigsten Exporteuren des gelben Metalls. Auch besitzt das Land rund einen Viertel der bis jetzt entdeckten Reserven. Das Land mit der höchsten Uranproduktion ist indes Kasachstan (36,5%) gefolgt von Kanada (15%) und Australien (12%). Das Feld der Uran-Förderländer ist breit und sie kommen aus den unterschiedlichsten Weltregionen. Dazu gehören die USA, Brasilien, Russland, Nigeria, Namibia, Südafrika, Ukraine und Usbekistan. Das Bergbauunternehmen Cameco (Kanada) – an der Börse CHF 6,57  Mrd. schwer – gehört mit zu den grössten Uranproduzenten.

Bei kaum einem anderen Rohstoff werden die weltweiten Ressourcen derart unterschiedlich beurteilt: Sie reichen von 20 bis 200 Jahren (!). Uran werde knapp und teuer, und zwar eher und rascher, als wir es wahrhaben wollen, so der ETH-Physiker Michael Dittmar in seiner Studie «The end of cheap uranium», die in der Fachzeitschrift «Science of the Total Environment» veröffentlicht wurde. Der Physiker ist zwar am Cern in Genf mit Elementarteilchen beschäftigt, hat allerdings doch auch Zeit, sich mit der Klima- und Energieproblematik zu befassen.

Gemäss Dittmars Berechnungen wird der weltweite Abbau von Uranerz in den bestehenden und geplanten Minen im Jahr 2015, also bereits in zwei Jahren, mit rund 58’000 t ein Maximum erreicht haben. Die Erzförderung dürfte danach bis 2025 auf rund 54’000 t und bis 2030 auf 41’000 t jährlich zurückgehen. Für das Jahr 2030 geht Dittmar von einer Produktion von 36’000 bis 46’000 t aus. Doch selbst der höchste angegebene Wert dürfte nicht ausreichen, um alle Kernkraftwerke, die derzeit in Betrieb oder im Bau sind, mit genügend (günstigem) Uran zu versorgen: Denn der voraussichtliche Bedarf im Jahr 2030 werde rund 68‘000 t betragen.

Christoph Heinrich, Professor für Rohstoffgeologie an der ETH Zürich, widerspricht der Schlussfolgerung von Michael Dittmar, dass die Verfügbarkeit von Uran die künftige Nutzung der Kernenergie limitiere. Er könne sich wohl vorstellen, dass Dittmars Voraussage einer starken Preiserhöhung von Uran in den nächsten zehn Jahren zutreffen könnte. Er verweist jedoch im Bulletin ETH-Life der ETH Zürich auf Schätzungen von viel grösseren Ressourcen, die in der Erdkruste mit grosser Wahrscheinlichkeit vorhanden sind. Diese seien mit heutiger Technologie zwar wirtschaftlich gewinnbar, aber noch ungenügend erforscht. Christoph Heinrich wird im ETH-Bulletin wie folgt zitiert: «Voraussagen grundlegender Verknappung von mineralischen Rohstoffen aufgrund von Verbrauchszahlen und bekannten Reserven haben sich bislang immer als falsch herausgestellt, weil sie die geologische Exploration vernachlässigen.»

Quelle: 
Hans Peter Arnold