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29.10.2008

Meinungsbild der Nachbarn britischer Kernkraftwerke

Eine klare Mehrheit der Bevölkerung in der Nachbarschaft britischer Kernkraftwerke befürwortet die Nutzung dieser Energiequelle. Über die Hälfte könnte auch dem Bau eines neuen Kernkraftwerks zustimmen. Eine vertiefte soziologische Untersuchung weist allerdings auf die engen Grenzen der Unterstützung und den starken Wunsch hin, beim Entscheidungsprozess von Anfang mitwirken zu dürfen.

Im Rahmen des Netzwerks Social Contexts and Responses to Risk (SCARR) der Soziologischen und Psychologischen Institute britischer Universitäten haben die Cardiff University und die University of East Anglia seit 2004 die Meinungsentwicklung bei der Bevölkerung in der Nachbarschaft der drei Kernkraftwerksstandorte Bradwell (2 seit 2002 stillgelegte Magnox-Blöcke), Oldbury (2 seit 1968 in Betrieb stehende Magnox-Blöcke) und Hinkley Point (2 stillgelegte Magnox- und 2 seit 1976 in Betrieb stehende AGR-Blöcke) untersucht. Das Ziel dieses SCARR-Projekts ist, eine empirische Antwort auf die Frage zu gewinnen, wie die Menschen, die in der Nähe einer risikobehafteten technischen Grossanlage leben, mit diesem Risiko umgehen. Dazu wurden Fragebögen ausgewertet und eine grössere Zahl Einzelinterviews geführt. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Komplexe Haltung der Anwohner

Im täglichen Leben sind die örtlichen Kernkraftwerk für die in der Nachbarschaft lebenden Menschen laut den Studienergebnissen nichts Besonderes: Sie fallen nicht auf und gehören einfach dazu. Entsprechend vertraut die ganz grosse Mehrheit den lokalen Betreibern voll.

Dies heisst jedoch nicht, dass die Regierung, die nationalen Aufsichtsbehörden und die Industrie in der Umgebung der Kernkraftwerke mehr Vertrauen geniessen als bei der übrigen Bevölkerung. Auch vermögen gemäss der Untersuchung Ereignisse wie etwa die Meldung über einen Terrorangriff leicht, bei vielen Menschen das undramatische Bild, das sie sich vom lokalen Kernkraftwerk machen, mindestens vorübergehend zu stören. Jetzt stellen sie sich Fragen. Angstgefühle melden sich, die Unterstützung ist brüchig.

Bedingte Mehrheiten für Kernenergie und Bau neuer Einheiten

Daher ist es den Studienverfassern ein Anliegen, dass die für den Bau neuer Einheiten günstigen Ergebnisse der Meinungsforschung differenziert betrachtet werden: In Oldbury würden 50% der Anwohner den Bau eines neuen Kernkraftwerks begrüssen und 31% wären dagegen. In Hinkley Point wären sogar 61% dafür und bloss 23% dagegen. Unabhängig davon wünscht eine grosse Mehrheit von 84% der Befragten, dass die lokale Bevölkerung beim Entscheidungsprozess über den Bau einer neuen Einheit von Anfang zur Mitwirkung eingeladen wird.

In der grundsätzlichen Haltung gegenüber der Kernenergie zeigen die Untersuchungen in der Umgebung der Kernkraftwerke ein signifikant positiveres Bild als im nationalen Durchschnitt: 12% finden keinen Grund, sich Sorgen über die Risiken der Kernenergie zu machen; für 34% überwiegen die Vorteile für die Region und sind die Betreiber vertrauenswürdig; 38% haben eine ambivalente Haltung, indem sie die wahrgenommenen Risiken nur akzeptieren, wenn damit der Umwelt und der Versorgungssicherheit gedient ist. Die übrigen 16% empfinden Kernkraftwerke als ständige Bedrohung und halten von den gegenteiligen Aussagen der Behörden sowie der Industrie nichts.

Quelle: 
P.B. nach Cardiff University und University of East Anglia, Medienmitteilung, 30. September 2008