08.01.2001

Sicherer Betrieb der schweizerischen Kernanlagen im Jahr 2000

Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen
Die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) stellt fest, dass die schweizerischen Kernanlagen im Jahr 2000 wiederum mit grosser Sicherheit betrieben wurden. In den fünf Kernkraftwerksblöcken und den übrigen Kernanlagen hatte die HSK acht Vorkommnisse gemäss ihren Sicherheits-Richtlinien zu klassieren. Alle diese Vorkommnisse sind auf der international gebräuchlichen Bewertungsskala auf der untersten Stufe registriert. Der Strahlenschutz für Personal und Bevölkerung war immer gewährleistet. Alle Transporte abgebrannter Brennelemente zur Wiederaufarbeitung nach Frankreich wurden ordnungsgemäss und ohne Kontaminationen durchgeführt.

Kernkraftwerke
Die fünf Kernkraftwerke Beznau-I und -II, Gösgen, Leibstadt und Mühleberg zeigten im vergangenen Jahr ein sicheres Betriebsverhalten. Die HSK klassierte nach ihrer Richtlinie 7 (im Vorjahr 13) Vorkommnisse, 3 im Kernkraftwerk Leibstadt und 4 in den beiden Blöcken des Kernkraftwerks Beznau. Sie wurden alle auf der Stufe 0 - also unterhalb der von 1 bis 7 reichenden international angewandten Störfallbewertungsskala für Kernanlagen (Ines) - eingeordnet. Zu den Vorkommnissen gehörten eine Reaktorschnellabschaltung, Brennelementschäden in einer Anlage, vier Störungen an Sicherheitseinrichtungen bei Funktionstests und die Überschreitung eines vorgeschriebenen Prüfintervalls von Messgeräten. Der sichere Betrieb der Anlagen war durch die Vorkommnisse nicht beeinträchtigt.
Die Kernkraftwerke verbesserten auch im Jahr 2000 Systeme und Einrichtungen, die zur Sicherheit beitragen. Zu erwähnen sind hier der Ersatz des Reaktorschutz- und Regelsystems in Beznau-I, die Ertüchtigung der gesicherten Speisewasserversorgung in dieser Anlage sowie die Einspeisung von Edelmetallen ins Reaktorwasser zum Schutz der Reaktoreinbauten vor Spannungsrisskorrosion in Mühleberg.
Als letztes Kernkraftwerk der Schweiz wurde Mühleberg im November 2000 einer Überprüfung durch ein internationales Operational Safety Review Team (Osart) unter Leitung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) unterzogen. Wie schon bei den früheren Osart-Missionen in den anderen Werken bestätigte das Team dem Kernkraftwerk Mühleberg einen hohen Stand der betrieblichen Sicherheit. Einige Empfehlungen zur weiteren Verbesserung wird die IAEO im Bericht erwähnen, der in einigen Monaten erscheinen wird.
Die gegen eine Verfügung der HSK im Januar 2000 erhobene Beschwerde des Kernkraftwerks Gösgen konnte weitgehend behandelt werden. Elf verfügten Massnahmen stimmte das Werk zu - nach Präzisierung der Forderungen durch die HSK und teilweiser Verlängerung der ursprünglich zu kurz angesetzten Erledigungstermine. Zu vier Forderungen ist das Verfahren beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) noch im Gang. Zwei dieser Forderungen betreffen die Nachrüstung einer Füll standsmessung im Reaktordruckbehälter für schwere Störfälle sowie eines Reaktorschnellabschaltsignals bei hohem schaltsignals bei hohem Frischdampfdruck. Weiter sind die Forderungen nach einem Konzept zur Wasserstoffbeherrschung im Sicherheitsbehälter (Containment) bei schweren Störfällen und nach einer ferngesteuerten, zeitverzugslosen Auslösung der Sirenen in der Zone 1 noch zu klären.

Kernanlagen des PSI
Bis Ende Juni 2000 stand das gesamte Paul Scherrer Institut (PSI) unter Aufsicht der HSK. Da das PSI immer mehr Forschungsanlagen betreibt, die nicht der Kernenergie zugerechnet werden, wurden diese Anlagen ab 1. Juli 2000 der Aufsicht durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterstellt. Die HSK beaufsichtigt jetzt noch den Forschungsreaktor Proteus, der für Physikexperimente zur genaueren Bestimmung des Verhaltens von Neutronen in Reaktorbrennstäben verwendet wird, sowie die Forschungsreaktoren Diorit und Saphir, die beide nicht mehr in Betrieb sind und abgebrochen werden. Zum weiteren Aufsichtsbereich der HSK gehören das Hotlabor, in welchem u.a. wichtige, die Sicherheit von Materialien und Brennstäben betreffende Untersuchungen gemacht werden, und die Abfallbehandlungs-Anlagen wie die Pilot-Verbrennungsanlage und das Bundes-Zwischenlager. Die Anlagen unter Aufsicht der HSK zeigten ein sicheres Verhalten. Im Jahr 2000 ereignete sich im PSI ein Vorkommnis, das auf der Stufe 0 - also wiederum unterhalb der Ines-Skala - eingeordnet wurde. Es handelte sich dabei um den Ausfall eines Messsystems zur Überwachung der Abgaben radioaktiver Stoffe aus der Verbrennungsanlage.

Schutz des Personals und der Umwelt vor ionisierender Strahlung
Die Kernkraftwerke und das PSI massen dem Schutz des Personals, der Bevölkerung und der Umwelt vor ionisierender Strahlung grosse Bedeutung bei. So konnten die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung für die Dosis von beruflich strahlenexponierten Personen eingehalten werden. Die Kollektivdosen für das Personal, d.h. die Summe aller Individualdosen, lagen sehr tief. Im Kernkraftwerk Leibstadt wurde mit einer Kollektivdosis von ca. 1 Sievert die niedrigste Dosis für ein volles Betriebsjahr seit Aufnahme des kommerziellen Betriebs erzielt. Dasselbe trifft für Mühleberg mit einer Kollektivdosis von ca. 0,79 Sievert und Gösgen mit ca. 0,53 Sievert zu. Für die beiden Blöcke Beznau-I und -II ergab sich zusammen eine Kollektivdosis von ca. 0,8 Sievert. Die Abgaben radioaktiver Stoffe an die Umwelt über die Abluft und das Abwasser waren wie in den früheren Jahren sehr klein und verursachten Dosen von weniger als 0,01 Millisievert für Personen, die in der Umgebung der Kernkraftwerke und des PSI wohnten. Die durchschnittliche, durch natürliche Quellen und medizinische Untersuchungen verursachte Strahlenbelastung einer Person in der Schweiz beträgt rund 4 Millisievert pro Jahr.

Projekt eines Lagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle im Wellenberg
Die HSK als Aufsichtsbehörde umschrieb für das Projekt eines Lagers für schwach- und mittelradioaktive (SMA-)Abfälle im Wellenberg in einem Bericht die Art und Menge der Abfälle, die in das Lager eingebracht werden können. Für einige Abfälle aus der Medizin, Industrie und Forschung verlangte sie weitere Untersuchungen. Damit soll gezeigt werden, ob diese Abfälle in einem SMA-Lager oder in einem Lager für hochradioaktive Abfälle entsorgt werden sollen. Weiter legte die HSK Ausschlusskriterien fest. Diese dienen dazu, die Ergebnisse der Untersuchungen, die mit dem geplanten Sondierstollen durchgeführt werden sollen, eindeutig und auch für eine Nichtfachperson nachvollziehbar beurteilen zu können. Der Bericht ?Anforderungen der HSK an das Projekt eines Lagers für schwach- und mittelaktive Abfälle am Wellenberg? vom November 2000 ist bei der HSK erhältlich.

Transporte abgebrannter Brennelemente
Im letzten Jahr wurden zwölf Transporte mit abgebrannten Brennelementen aus den schweizerischen Kernkraftwerken zur Wiederaufarbeitung nach La Hague (Frankreich) durchgeführt. Die neu eingeführten Massnahmen zur Vermeidung unzulässiger Kontaminationen an Transportbehältern und Eisenbahnwagen bewährten sich: Alle Transporte erfolgten kontaminationsfrei. Zu den Massnahmen gehören die gründliche Reinigung der Transportbehälter mit Hochdruckwasser, die Abdeckung der Behälteroberflächen vor dem Eintauchen in das leicht kontaminierte Wasser des Beladebeckens, eine umfangreiche Messung des Behälters und des Wagens vor dem Abtransport durch das Personal des Kernkraftwerks sowie durch eine unabhängige Messstelle. Die HSK stellte die Erfahrungen und Ergebnisse der ersten zwölf Transporte, die zwischen August 1999 und Juli 2000 stattgefunden hatten, in einem Bericht (?Zwischenbilanz über die Transporte abgebrannter Brennelemente?) zusammen und veröffentlichte diesen im Oktober 2000. Er kann bei der HSK bezogen werden und ist im Internet einsehbar.
Transporte abgebrannter Brennelemente zur Wiederaufarbeitung nach Sellafield (England) in die Fabrik der BNFL fanden keine statt. Die englische Aufsichtsbehörde, das Nuclear Installations Inspectorate (NII), hatte Verbesserungsmassnahmen auf dem Gebiet der Sicherheit, des Strahlenschutzes und des Managements der Anlagen der BNFL verlangt. Das NII informierte die HSK, dass es eine umfassende Kontrolle der Verbesserungsmassnahmen vornimmt. Bis Ende November 2000 hatte die BNFL 3 der 28 vom NII verlangten Massnahmen erfüllt. Für die meisten der übrigen Verbesserungsmassnahmen wurde zwischen BNFL und NII das weitere Vorgehen vereinbart. Die HSK wird vom NII über den Fortschritt der Arbeiten periodisch orientiert.

Zentrales Zwischenlager Würenlingen
Die Zwischenlager Würenlingen AG (Zwilag) besitzt seit August 1996 die bundesrätliche Bewilligung für den Betrieb der Lagerhallen und seit März 2000 diejenige für die Konditionierungsanlage sowie für die Verbrennungs- und Schmelzanlage. Vor der Einlagerung der ersten Behälter mit radioaktiven Abfällen bzw. der Behandlung oder Verbrennung von Abfällen benötigt die Zwilag die entsprechenden Freigaben der HSK. Letztere hat vorgängig zu prüfen, ob alle Bedingungen und Auflagen der Bau- und Betriebsbewilligungen sowie der Anforderungen der HSK-Richtlinien erfüllt sind. Im Freigabeverfahren gab es Ende Jahr noch offene Punkte. Es handelt sich u.a. um die Fertigstellung von Betriebsdokumenten und Verfahrensvorschriften, die korrekte Installation der Brandschutzeinrichtungen und den Nachweis, dass die höher als ursprünglich vorgesehenen Behältertemperaturen den Betonboden der Lagerhalle nicht schädigen. Bei der Schmelz- und Verbrennungsanlage sind noch Anpassungen an der Anlage notwendig, um die Bestimmungen der Luftreinhalteverordnung zu erfüllen. Die Verzögerung in der Bearbeitung dieser Auflagen und Bedingungen ist zum Grossteil nicht technisch bedingt, sondern im Wesentlichen durch ein zu kleines Projektteam des Unternehmens. Die Zwilag verstärkte Ende 2000 das Team, um die offenen Punkte möglichst rasch klären und erledigen zu können.

Qualitätsmanagement-System für die HSK
Die Arbeit und die Entscheide der HSK basieren häufig auf komplexen wissenschaftlichen und technischen Studien und Untersuchungen. Um den Weg zu einem Entscheid für alle daran Interessierten nachvollziehbarer zu gestalten, führte die HSK für sich ein Qualitätsmanagement-System ein. Es ist seit Anfang November 2000 in Kraft. Ende 2001 wird sich die HSK mit diesem System zertifizieren lassen.
Die angesprochenen Themen werden im Jahresbericht 2000 der HSK, der kommenden April erscheinen wird, ausführlicher behandelt.

Quelle: 
M.S. nach Medienmitteilung der HSK vom 9. Januar 2001