«Es geht darum, ob wir in der Schweiz unsere nukleare Expertise erhalten wollen»
Uta Naumann ist Präsidentin von Women in Nuclear (WiN) Schweiz und engagiert sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Nuklearbranche. Im Interview spricht sie über den WiN Europe Regional Event 2026, den Fachkräftenachwuchs und die Bedeutung der voraussichtlich bevorstehenden Abstimmung über die Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke.

Women in Nuclear (WiN) Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren sichtbar weiterentwickelt. Welche Schwerpunkte setzt der Verein heute, und wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die kommenden Jahre?
Heute konzentrieren wir uns auf drei Schwerpunkte. Wir möchten unsere Mitglieder stärker vernetzen, unsere Standpunkte selbstbewusst vertreten und WiN Schweiz national noch sichtbarer machen.
Unser Netzwerk bringt Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Nuklearbranche zusammen, vom Reaktorbetrieb über die Entsorgung bis hin zum Chemielabor. Auch Mitarbeitende aus Kommunikation, Controlling oder Assistenz gehören dazu. Gerade dort sehe ich noch Potenzial.
Wer unsere Ziele teilt und sich engagieren möchte, ist bei uns herzlich willkommen. Das gilt übrigens nicht nur für Frauen. Auch einige – zugegeben wenige – Männer gehören zu unseren Mitgliedern.
Im Berufsalltag begegnen wir uns oft nur innerhalb unseres eigenen Arbeitsumfelds. Dabei könnten wir fachlich und persönlich viel voneinander profitieren. Genau dafür bietet WiN die passende Plattform.
Die grösste Herausforderung für die kommenden Jahre wird sein, die richtige Balance zu finden. Einerseits werden wir uns in die aktuelle Debatte über die Aufhebung des Neubauverbots einbringen. Andererseits möchten wir unseren Mitgliedern spannende Einblicke in die Entwicklungen der Nuklearbranche im In- und Ausland bieten. Ebenso wichtig sind aber der persönliche Austausch und Workshops zu beruflichen Themen, etwa zu den Herausforderungen als berufstätige Frau, als Mutter oder als Führungskraft in einem nach wie vor männlich geprägten Umfeld.
Die Schweiz ist 2026 Gastgeberin des WiN Europe Regional Events im September in Baden. Welche Bedeutung hat diese Veranstaltung für WiN Schweiz und für den Nuklearstandort Schweiz?
Für WiN Schweiz ist das ein Ritterschlag. Wir dürfen die europäische WiN-Community sowie zahlreiche weitere Expertinnen und Experten aus verschiedenen Ländern in unserer Heimat begrüssen, direkt vor den Toren unserer kerntechnischen Einrichtungen.
Für den Nuklearstandort Schweiz ist es eine grosse Chance, sich so zu zeigen, wie wir wirklich sind: professionell, stark interessiert an den Entwicklungen in Europa und offen für den persönlichen Austausch. Und wir möchten mit dem Klischee aufräumen, dass die Nuklearbranche eine reine Männerdomäne ist. In Europa gibt es viel Frauenpower. Dieser möchten wir ein Gesicht geben.
Ausserdem gibt es viele positive Entwicklungen in der Kerntechnik, über die es sich lohnt, mehr zu erfahren.
Das Motto der Konferenz lautet «One network. One nuclear future.» Was dürfen die Teilnehmenden inhaltlich erwarten?
Die Teilnehmenden erwartet am ersten Tag ein abwechslungsreicher Konferenztag. Inhaltlich spannen wir den Bogen von der energiepolitischen Sicht auf die Welt über die Versorgungssicherheit in Europa bis hin zu einem konkreten Blick auf die Schweizer Energieversorgung. Die Referentinnen und Referenten verbinden technische Fachvorträge mit persönlichen Erfahrungen.
Zum Abschluss gibt es eine spannende Podiumsdiskussion über die Kommunikation nuklearer Themen. Das Ganze endet in entspannter Atmosphäre bei einem gemeinsamen Abendessen und guter Musik. Es darf getanzt werden!
Der zweite Tag ist als Workshoptag geplant. Die WiN-Chapter, also WiN-Organisationen, aus ganz Europa arbeiten dort ganz praktisch an der gemeinsamen Zukunft von WiN Europe. Interessierte Gäste sind herzlich willkommen. Am dritten Tag runden spannende Exkursionen die Veranstaltung ab, unter anderem in Schweizer Kernkraftwerke, zum Zwilag und zur Nagra.
Für Fachleute aus der Schweizer Nuklearbranche lohnt sich die Teilnahme gleich aus mehreren Gründen. Wir holen Europa nach Baden, und sie müssen nicht nach Brüssel, London oder Wien reisen, um Trends kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen. Sie sehen, wie andere Länder mit ähnlichen oder neuen Herausforderungen umgehen. Und sie vertreten mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Expertise den Schweizer Nuklearstandort.
Ausserdem ist es einer der seltenen Anlässe, an denen gleichzeitig über Versorgungssicherheit, Kommunikationskonzepte und Kindererziehung diskutiert wird.
Ich wünsche mir, dass viele Teilnehmende mit einem starken Bild von «Nuclear made in Switzerland and Europe», guten persönlichen Kontakten und neuen Impulsen für die weitere europäische Zusammenarbeit nach Hause fahren.
Die Branche steht vor einem Generationenwechsel und einem steigenden Fachkräftebedarf. Welchen Beitrag kann ein Netzwerk wie WiN leisten, um Talente zu gewinnen, zu fördern und langfristig zu halten?
Ein Netzwerk wie WiN kann drei Dinge leisten, die Stellenanzeigen allein nie schaffen werden. Unser Fokus liegt dabei auf der Förderung von Mädchen und Frauen.
Wir machen sichtbar, wie vielfältig die Berufe in der Nuklearbranche sind. Man muss dafür weder ein Mathe- oder Physikgenie sein noch schon mit zehn Jahren einen Reaktor aus Lego gebaut haben. Mädchen und Frauen können in unserer Branche genauso erfolgreich tätig sein wie Jungen und Männer.
Ausserdem bieten wir weibliche Vorbilder und Kontakte. Wer sieht, dass andere diesen Weg bereits gegangen sind, traut ihn sich oft auch selbst zu.
Und wir schaffen Räume, in denen junge Frauen ihre Fragen stellen können. Das reicht von fachlichen Themen über die Karriereplanung bis hin zum Umgang mit Kritik an der Kernenergie im privaten Umfeld.
Wenn es uns gelingt, dass junge Frauen in unserer Branche eine sinnvolle Aufgabe, Entwicklungsmöglichkeiten und ein tragfähiges Netzwerk sehen, dann haben wir unseren Auftrag erfüllt.
WiN bringt insbesondere Frauen aus der Nuklearbranche zusammen. Welche Chancen entstehen aus dieser Vernetzung, die im Arbeitsalltag sonst oft zu kurz kommen?
Im Alltag bleibt neben den fachlichen Aufgaben oft wenig Zeit für den Blick über den Tellerrand. WiN schafft dafür bewusst Raum.
Durch die Vernetzung entstehen Chancen, die im Berufsalltag häufig zu kurz kommen. Man erhält ehrliches Feedback zu Karrierefragen, ohne dass Hierarchien dazwischenstehen. Es entstehen Mentoring-Beziehungen, die nie offiziell so genannt werden. Und manchmal entwickeln sich Kooperationen, auf die niemand gekommen wäre, wenn man sich nur innerhalb des eigenen Organigramms bewegt hätte.
Es macht einen grossen Unterschied, ob man das Gefühl hat, mit einer Erfahrung allein zu sein, oder ob man Menschen trifft, die genau dieselben Herausforderungen kennen. Das entspannt ungemein. Und entspannte Mitarbeitende treffen bekanntlich die besseren Entscheidungen.
International erlebt die Kernenergie derzeit neuen politischen Rückenwind. Welche Entwicklungen beobachten Sie innerhalb des weltweiten WiN-Netzwerks, und welche Impulse könnten daraus für die Schweiz entstehen?
Weltweit spüren wir, dass die Diskussion über Kernenergie wieder stärker faktenbasiert geführt wird. Getrieben durch die aktuellen Krisen sind Klimaziele und Versorgungssicherheit stärker ins Bewusstsein gerückt. Innerhalb des WiN-Netzwerks beobachten wir dabei zwei Entwicklungen.
Zum einen entstehen neue Chapter in Ländern, die bisher wenig sichtbar waren. Zum anderen wächst in den etablierten Nuklearländern der Wunsch, sich international noch stärker zu vernetzen und voneinander zu lernen.
Für die Schweiz bedeutet das, dass wir unsere Erfahrung mit Sicherheitskultur, Langzeitbetrieb und direkter Demokratie einbringen können. Gleichzeitig sehen wir, wie andere Länder mit Neubauprojekten, SMR-Konzepten oder grossen Ausbauplänen umgehen. Das gibt uns die Chance, unser Wissen zu erweitern und neue Konzepte besser zu verstehen, zu bewerten und zu erklären. So erkennen wir, was gut funktioniert, was nicht und was sich auf die Schweiz übertragen lässt. Ein gutes weltweites Netzwerk wird uns auch beim Langzeitbetrieb helfen.
In der Schweiz dürfte die Bevölkerung im kommenden Jahr über die Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke abstimmen. Welche Bedeutung hat diese Abstimmung aus Ihrer Sicht für die Zukunft der Schweizer Nuklearbranche?
Diese Abstimmung ist eine Weichenstellung. Es geht darum, ob wir in der Schweiz unsere nukleare Expertise erhalten und uns weiterhin Wissen über neue Entwicklungen in der Nuklearindustrie aneignen wollen. Es geht nicht um den Bau eines neuen Kernkraftwerks. Es geht darum, ob wir auch künftig ein Land sein wollen, dessen Kompetenz in der Kernenergie international anerkannt und geschätzt wird.
Für die Branche ist das wichtig, weil Investitionen in Know-how, Nachwuchs und Infrastruktur einen langen Atem brauchen. Junge Menschen werden sich kaum für eine Ausbildung oder ein Studium in einem Bereich interessieren, in dem es verboten ist, sich mit neuen Entwicklungen zu beschäftigen oder sich an entsprechenden Forschungsprojekten zu beteiligen.
Ich sehe die Abstimmung als Einladung an die Bevölkerung, sich mit einer grundsätzlichen Frage auseinanderzusetzen: Wie wollen wir unsere Stromversorgung in Zukunft gestalten? Wollen wir künftigen Generationen die Option Kernenergie grundsätzlich nehmen oder auf den Erhalt von Kompetenzen und den internationalen Austausch zu neuen Entwicklungen setzen?
Gegner argumentieren häufig mit Kosten, Bauzeiten oder der Behinderung des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Welche Aspekte kommen in der öffentlichen Debatte aus Ihrer Sicht zu kurz?
Zu kurz kommt oft der Blick auf das Gesamtsystem. Wir diskutieren gerne über einzelne Technologien wie Wasserkraft, Solar, Wind oder Kernenergie, als würden sie gegeneinander antreten. In der Realität müssen sie als Gesamtsystem funktionieren.
Zu wenig beleuchtet werden aus meiner Sicht die Kosten eines Systems, das auch dann stabil sein muss, wenn weder die Sonne scheint noch der Wind weht. Ebenso der Wert einer grundlastfähigen, weitgehend CO₂-armen Stromproduktion für die Industrie, die nicht importiert werden muss. Und schliesslich die Frage, wie wir unser Know-how in der Kerntechnik und der nuklearen Sicherheit erhalten, statt es Schritt für Schritt zu verlieren.
Es geht nicht darum, erneuerbare Energien gegen die Kernenergie auszuspielen. Die eigentliche Frage lautet: Welche Kombination gewährleistet Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit – auch dann, wenn die Rahmenbedingungen schwieriger werden als heute?
Wenn Sie den Mitarbeitenden der Schweizer Nuklearbranche für die voraussichtlich bevorstehende Abstimmung eine Botschaft mit auf den Weg geben könnten – wie würde sie lauten?
Du bist ein wichtiger Botschafter in Deinem Umfeld – nutze die Chance!
Ihr seid diejenigen, die tagtäglich dafür sorgen, dass die Anlagen sicher laufen und der Strom aus der Steckdose kommt. Dieses Wissen, diese Verantwortung und diese Professionalität dürfen und sollen in die öffentliche Diskussion einfliessen.
Sprich über Deine Arbeit, erkläre, was Dir wichtig ist, und habe keine Angst vor kritischen Fragen. Wer wie Du hochkomplexe Anlagen sicher betreibt, wird auch ein paar hitzige Debatten aushalten.
Und wenn es zwischendurch anstrengend wird: Du bist nicht allein. Es gibt Netzwerke wie WiN, die Dich unterstützen – und eine ganze Branche, die auf Deine Erfahrung baut.
Uta Naumann
Uta Naumann ist seit 2025 Präsidentin von Women in Nuclear (WiN) Schweiz und Leiterin Stab der Kraftwerksleitung im Kernkraftwerk Beznau. Ihren beruflichen Einstieg absolvierte sie als Anlagenoperateurin in einem Kernkraftwerk in der damaligen DDR. Anschliessend studierte sie Maschinenbau und Werkstofftechnik und arbeitete in verschiedenen Funktionen in deutschen Kernkraftwerken. Seit 2012 ist sie im Kernkraftwerk Beznau tätig. Mit ihrem Engagement bei WiN setzt sie sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Nuklearbranche und den offenen Dialog über Kerntechnik ein.
Women in Nuclear (WiN) Schweiz
WiN Schweiz ist das Schweizer Chapter, die Schweizer Organisation, des internationalen Netzwerks Women in Nuclear (WiN) Global. Der Verein vernetzt Fachfrauen und Fachpersonen aus Kerntechnik, Forschung, Strahlenschutz und nuklearen Anwendungen, fördert den fachlichen Austausch und engagiert sich für eine sachliche Auseinandersetzung mit nuklearen Themen. WiN Schweiz wurde 1995 gegründet und ist eine eigenständige Sektion innerhalb des Nuklearforums Schweiz.
WiN Europe Regional Event 2026
Vom 21. bis 23. September 2026 richtet WiN Schweiz in Baden das 2. WiN Europe Regional Event aus. Erwartet werden WiN-Chapters und Fachpersonen aus ganz Europa. Das Programm umfasst Fachreferate, Workshops, Networking und technische Exkursionen.
«Bulletin» 3/2026
Das «Bulletin» des Nuklearforums Schweiz mit Interviews, Hintergrundberichten, Analysen und Veranstaltungshinweisen aus der Welt der Kerntechnik erscheint vier Mal jährlich. Mitglieder des Nuklearforums Schweiz erhalten es in Printform zugestellt. Interessierten steht es zum Download zur Verfügung.
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Verfasser/in
Interviews: S.D.
