Nuklearmedizin in der Schweiz: Weltklasse, aber mit angezogener Handbremse

Die Schweiz gehört zu den führenden Standorten der Nuklearmedizin – doch Patientinnen und Patienten profitieren nur eingeschränkt davon. Ein White Paper der Innovationsallianz Nuklearmedizin Schweiz zeigt, dass regulatorische, finanzielle und strukturelle Hürden den optimalen Zugang zu innovativen Therapien bremsen.

4. Aug. 2026
Nuklearmedizin
Mit dem White Paper Nuklearmedizin liegt erstmals ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen und Chancen rund um die Schweizer Nuklearmedizin vor.
Quelle: Executive Insights AG

Die Nuklearmedizin hat sich als fester Bestandteil der modernen Medizin etabliert und gewinnt für die Patientenversorgung stetig an Bedeutung. Sie macht Krankheiten nicht nur sichtbar, sondern ermöglicht auch, diese gezielt zu behandeln (s. Bulletin 2/2025). Im März 2026 publizierte die Innovationsallianz Nuklearmedizin Schweiz – eine Partnerschaft der Abteilung für Nuklearmedizin und molekulare Bildgebung des Universitätsspitals Lausanne (CHUV), der Novartis Pharma Schweiz und des Nuklearforums Schweiz – mit einem White Paper eine umfassende Standortbestimmung des Bereichs. Die Analyse kommt zum Schluss, dass die Ausgangslage gut ist, denn die Schweiz zählt heute zu den international führenden Standorten der Nuklearmedizin. Gleichzeitig zeigt das White Paper jedoch auch auf, dass zwischen Innovationskraft und (künftiger) Versorgung von Patientinnen und Patienten eine Lücke besteht.

Gezielte Therapie statt breiter Wirkung

Die Nuklearmedizin wird sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie eingesetzt. Namentlich die Radioligandentherapie (RLT), bei der radioaktive Wirkstoffe gezielt Tumorzellen von innen angreifen und das umliegende Gewebe dabei schonen, hat sich in den letzten Jahren als zusätzliche Behandlungsmethode bewährt. Sie gilt heute nebst Chirurgie, Chemotherapie, Radiotherapie, zielgerichteten Therapien und der Immuntherapie als sechste Säule der modernen Onkologie. Darüber hinaus wird sie auch in der Endokrinologie, Kardiologie und Neurologie sowie bei Entzündungen eingesetzt. So hat die RLT das Potenzial, Behandlungen zu verkürzen, Nebenwirkungen zu reduzieren und langfristig das Gesundheitssystem zu entlasten.

Der Bedarf an solch innovativen Therapien ist hoch und wächst sogar weiter, denn in der Schweiz erkranken jährlich rund 38’000 Menschen neu an Krebs. Mit der alternden Bevölkerung und einem anhaltenden Bevölkerungswachstum wird diese Zahl noch steigen – und damit steigen auch die Anforderungen an das Gesundheitssystem. Schon heute generieren Krebserkrankungen in der Schweiz jährlich rund CHF 4 Mrd. an direkten Behandlungskosten und zusätzlich CHF 5 bis 6 Mrd. an indirekten Kosten durch Arbeitsausfälle und Produktivitätsverlust.

Starker Standort mit breiter Wertschöpfung

Die Schweiz bringt gute Voraussetzungen mit, um in der Nuklearmedizin auch weiterhin eine führende Rolle zu spielen. Das White Paper hebt die enge Verzahnung von Forschung, Industrie und klinischer Anwendung hervor. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Radionuklidproduktion über die Entwicklung von Radiopharmazeutika bis zur Behandlung – bestehen hohe Kompetenzen. Diese Stärke zeigt sich nicht nur in der Forschung, sondern auch in der wirtschaftlichen Bedeutung. Die Nuklearmedizin schafft Stellen für hochqualifiziertes Personal und eröffnet Potenziale für Innovation und Wertschöpfung in einem wachsenden globalen Markt.

Als Pionierland verfügt die Schweiz über ein etabliertes Netzwerk aus klinischen, akademischen und industriellen Akteuren. Wir verfügen über eine exzellente Forschung – man denke an das Paul Scherrer Institut (PSI) oder die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN). 17 Spitäler betreiben aktuell eigene nuklearmedizinische Bettenstationen und über 40 pharmazeutische und biotechnologische Unternehmen treiben die radiopharmazeutische Forschung und Entwicklung voran. Oder anders gesagt: Es ist kein Zufall, dass Apple-Gründer Steve Jobs sich bereits vor Jahren in der Schweiz hat nuklearmedizinisch behandeln lassen.

Strukturelle Hürden bremsen den Fortschritt

Es folgt das grosse Aber. Trotz dieser grundsätzlich guten Ausgangslage identifiziert das White Paper zentrale Herausforderungen. Eine der sichtbarsten Herausforderungen betrifft die regulatorischen Rahmenbedingungen. Radiopharmazeutika beispielsweise unterliegen sowohl arzneimittel- als auch strahlenschutzrechtlichen Vorschriften – ein Umstand, der Prozesse komplex und zeitaufwendig macht. Hinzu kommen nationale Besonderheiten mit konkreten Auswirkungen auf die Versorgung. So müssen Patientinnen und Patienten nach einer RLT in der Schweiz in der Regel rund 20 Stunden hospitalisiert werden. Dies erfordert strahlengeschützte Patientenzimmer, die nur begrenzt verfügbar sind. In Frankreich beträgt die Aufenthaltsdauer bei der gleichen Behandlung etwa sechs Stunden, in Grossbritannien teilweise nur drei bis sechs Stunden. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf die Kapazitäten der Spitäler aus: Kürzere Aufenthalte ermöglichen eine höhere Patientenzahl und geringere Kosten.

Auch die Finanzierung stellt eine Herausforderung dar. Innovative Therapien wie die RLT werden ambulant direkt nach der Zulassung vergütet, im stationären Bereich über Fallpauschalen aber erst mindestens drei Jahre nach der Swissmedic-Marktzulassung des jeweiligen Radiopharmazeutikums kostendeckend vergütet. Leistungserbringer sind dadurch gezwungen, Defizite zu tragen, wenn sie diese Verfahren anbieten, was in Anbetracht der prekären finanziellen Lage vieler Spitäler wirtschaftlich schwierig ist. Damit erhalten Patientinnen und Patienten oft nicht die beste Therapie, sondern die, die zeitnah vollständig vergütet wird.

Logistik und Fachkräfte als Engpass

Neben regulatorischen und finanziellen rücken zunehmend auch logistische Fragen in den Fokus. Die Versorgung mit Radionukliden ist anspruchsvoll, da ihr radioaktiver Zerfall die Nutzbarkeit zeitlich einschränkt und stabile Lieferketten notwendig macht. Für die Diagnostik relevante kurzlebige Radionuklide werden lokal hergestellt, beispielsweise am PSI, am Universitätsspital Zürich oder von der Swan Isotopen AG in Bern. Therapeutisch eingesetzte Radionuklide mit Halbwertszeiten von mehreren Tagen können grundsätzlich aus dem europäischen Ausland angeliefert werden, mit hohen Anforderungen an die Logistik, da die verfügbaren Zeitfenster begrenzt bleiben und Störungen in der Lieferkette unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten haben: Therapien müssen bei Lieferengpässen verschoben werden, obwohl die medizinische Indikation gegeben wäre.

Parallel dazu verschärft sich der Fachkräftemangel. Die Nuklearmedizin erfordert hochspezialisiertes Wissen aus verschiedenen Disziplinen, etwa von Nuklearmedizinerinnen und Nuklearmedizinern, Radiopharmazeutinnen und Radiopharmazeuten oder Medizinphysikerinnen und Medizinphysikern. Der Bedarf an qualifizierten Fachpersonen wächst und stellt das System zunehmend vor Herausforderungen.

International priorisiert

Gleichzeitig wird die Nuklearmedizin international priorisiert. Auf europäischer Ebene stärken zentrale Initiativen wie die Samira (Strategic Agenda for Medical Ionising Radiation Applications) und Prismap (The European Medical Radionuclides Programme) die Versorgungssicherheit mit Radionukliden. Die EU hebt hervor, dass die Nuklearmedizin eine Top-Priorität in der Krebsbekämpfung ist und betont, dass strategische Abhängigkeiten reduziert werden müssen. Belgien hat einen nationalen Aktionsplan für die RLT sowie einen Koalitionsvertrag, um gute Voraussetzungen für die Etablierung der RLT zu schaffen. Die Niederlande investiert rund EUR 1,68 Mrd. (rund CHF 1,54 Mrd.) in den Forschungsreaktor Pallas, der den Hochflussreaktor ersetzen soll, welcher bisher rund 60% der europäischen und 30% des weltweiten Bedarfs an medizinischen Radionukliden deckt.

Eine klare Vision für die Schweiz

or diesem Hintergrund wird im White Paper eine ambitionierte Zielsetzung formuliert: Die Schweiz soll ihre führende Rolle in der Nuklearmedizin nicht nur behaupten, sondern gar weiter ausbauen – mit einem innovationsfreundlichen Umfeld und einem verbesserten Patientenzugang. Im Zentrum steht die Idee eines integrierten Ökosystems, in dem Forschung, Industrie, Regulierung und Patientenversorgung optimal zusammenspielen. Die Nuklearmedizin soll als fester Bestandteil einer modernen und effizienten medizinischen Gesundheitsversorgung weiter gestärkt und ausgebaut werden.

Konkrete Handlungsempfehlungen

Um diese Vision zu erreichen, identifiziert die Innovationsallianz fünf zentrale Handlungsfelder, um Hürden abbauen und die Standortattraktivität der Schweiz stärken zu können:

  • Stärkung von Forschung und Entwicklung, um die Innovationskraft langfristig zu sichern
  • Harmonisierung der regulatorischen Rahmenbedingungen, insbesondere im europäischen Kontext
  • Weiterentwicklung der Finanzierungsmodelle, damit Innovation rasch in die Versorgung gelangt
  • Sicherung der Lieferketten für Radionuklide und Radiopharmazeutika
  • Ausbau von Infrastruktur und Fachkräften, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden

Vom Papier zur Umsetzung

Mit dem White Paper liegt erstmals eine Auslegeordnung und ein gemeinsames Verständnis in Bezug auf Herausforderungen und Chancen rund um die Nuklearmedizin vor. Auf dieser Basis wird die Innovationsallianz Nuklearmedizin Schweiz ihre Arbeit gezielt weiterführen, um die identifizierten Lösungsansätze weiter zu konkretisieren und deren Implementierung in das Schweizer Gesundheitssystem voranzutreiben. Zu diesem Zweck wurde an der Generalversammlung die statutarische Basis zur Gründung der Sektion Nuklearmedizin des Nuklearforums geschaffen. Die Sektion wird den kontinuierlichen Austausch und die Zusammenarbeit relevanter Stakeholder sicherstellen und die erarbeitete Vision und Handlungsempfehlungen in thematischen Arbeitsgruppen weiterentwickeln.

Parallel dazu bedarf es einer zeitnahen öffentlichen und politischen Priorisierung sowie einer koordinierten nationalen Unterstützung, um die identifizierten Herausforderungen wirksam zu adressieren und die Grundlage für ein zukunftsfähiges, international wettbewerbsfähiges Nuklearmedizin-Ökosystem in der Schweiz zu schaffen. Ein Zögern würde bedeuten, wesentliche Entwicklungschancen zu verlieren, die Versorgungssicherheit zu gefährden und die Standortattraktivität im globalen Kontext zu schwächen. Daher sind ein klares politisches Bekenntnis und die aktive Unterstützung aller relevanten Akteure entscheidend für die strategische Weiterentwicklung dieses wichtigen Zukunftsfeldes. Die Weichen müssen jetzt gestellt werden, um die Nuklearmedizin als sechste Säule der Krebstherapie zum Wohle der Patientinnen und Patienten langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln.

«Bulletin» 2/2026

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Verfasser/in

N.E. nach White Paper Nuklearmedizin und diversen Quellen

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