SMRs: vom Einzelprojekt zur Serie

Kleine, modulare Reaktoren (SMRs) liefern in China und Russland bereits Strom und Wärme. Auch die westliche Welt holt auf: In Kanada steht der erste kommerzielle SMR in Bau, während in den USA und Europa Genehmigungen und Flottenpläne vorankommen.

1. Okt. 2026
Akademik-Lomonossow
Das schwimmende Kernkraftwerk Akademik Lomonossow produziert zuverlässig Strom und Wärme mit zwei Reaktorblöcken, die von Atomeisbrechern abstammen. Nach einem Betriebszyklus von bis zu 3,5 Jahren wird jeweils der gesamte Reaktorkern mit frischem Brennstoff neu beladen. Erstmals erfolgte dies Ende 2023 respektive Ende 2024.
Quelle: Tass via Atom Media

Small Modular Reactors (SMRs) umfassen kompakte wassergekühlte Reaktoren der Generation III+ ebenso wie fortgeschrittene Reaktoren der Generation IV mit Gas, Flüssigmetallen oder Salzschmelzen als Kühlmittel. Als klein gelten in der Regel Reaktoren mit einer elektrischen Leistung von bis zu rund 300 MWe pro Modul. Leistungsstärkere Konzepte wie der Rolls-Royce-SMR mit 470 bis 490 MWe werden wegen ihrer Standardisierung, Modularität und Auslegung auf Serienfertigung dennoch dieser Kategorie zugerechnet. Das digitale Dashboard der Nuclear Energy Agency (NEA) der OECD identifizierte Ende Juli 2026 weltweit 129 Auslegungen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und bewertete 79 davon detailliert.

SMRs sollen durch standardisierte Bauteile, Vorfertigung von Modulen und die Wiederholung derselben Auslegung (Flottenansatz) kürzere Bauzeiten und tiefere Kosten pro Einheit als bei Grossreaktoren ermöglichen. Je nach Reaktortyp können SMRs neben Strom auch Fernwärme, Prozessdampf und Hochtemperaturwärme etwa für industrielle Prozesse oder die Wasserstoffproduktion liefern.

Betriebserfahrung in China und Russland

China und Russland verfügen bereits über mehrere Jahre Betriebserfahrung mit SMRs. Der gasgekühlte Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktor HTR-PM ging am chinesischen Standort Shidaowan im Dezember 2021 erstmals ans Netz. Seit Dezember 2023 steht die 210-MWe-Demonstrationsanlage kommerziell in Betrieb. Zwei Reaktormodule treiben gemeinsam eine Turbine an. Als Kühlmittel dient Helium. Der störfalltolerante Triso-Brennstoff («tristructural-isotropic fuel») hält radioaktive Spaltprodukte auch bei sehr hohen Temperaturen zurück. Um die inhärente Sicherheit der Anlage zu demonstrieren, wurde 2023 die Stromversorgung beider Reaktormodule abgeschaltet. Die Nachzerfallswärme konnte anschliessend ohne strombetriebene Notkühlung auf natürlichem Weg abgeführt werden. Seit 2024 liefert die Anlage zudem Wärme an ein lokales Fernwärmenetz.

Am Standort Xin’an folgt bereits die kommerzielle Umsetzung: Zwei Kraftwerksblöcke des Typs HTRPM600 sind seit Juni beziehungsweise Dezember 2024 in Bau. Jede Einheit verbindet sechs weitgehend vom HTR-PM übernommene Reaktormodule mit einer gemeinsamen Dampfturbine und erreicht 650 MWe brutto.

Das schwimmende Kernkraftwerk Akademik Lomonossow versorgt die abgelegene ostsibirische Hafenstadt Pewek mit Strom und Fernwärme. Es ging im Dezember 2019 ans Netz und im Mai 2020 kommerziell in Betrieb. Zwei Druckwasserreaktoren des Typs KLT-40S liefern je 35 MWe. Ihre Technik geht auf frühere russische Atomeisbrecher zurück. Bis Mai 2026 erzeugte die Anlage mehr als 1,2 Mrd. kWh Strom. Im Juli 2026 unterzog die World Association of Nuclear Operators (Wano), die internationale Vereinigung der Kernkraftwerksbetreiber, die Anlage einem zweiwöchigen Peer Review. Rosatom erklärte danach, ihre Sicherheits- und Betriebsstandards entsprächen den bewährten Best Practices in Russland und weltweit.

Für neue Projekte setzt Russland auf die leistungsstärkere Baureihe RITM-200, die ebenfalls von Atomeisbrechern abstammt. Der RITM-200 kommt als RITM-200S in schwimmenden Kraftwerken für das Baimskoje-Bergbauprojekt und als landgestützter RITM-200N in Jakutien und Usbekistan zum Einsatz.

Kanada bringt die Serienidee auf die Baustelle

Das derzeit am weitesten fortgeschrittene kommerzielle SMR-Bauprojekt der westlichen Welt entsteht in Darlington in der kanadischen Provinz Ontario. Neben dem bestehenden Kernkraftwerk will der Energieversorger Ontario Power Generation (OPG) vier BWRX-300 mit insgesamt 1200 MWe errichten. Der Siedewasser-SMR stammt von GE Vernova Hitachi Nuclear Energy (GVH).

Der nukleare Baustart für die erste Einheit erfolgte am 22. April 2026 mit dem Absenken der vormontierten Fundamentplatte in den rund 35 Meter tiefen Schacht des Reaktorgebäudes. Die Platte wiegt rund 950 Tonnen und hat einen Durchmesser von 37 Metern. Ihre Montage neben dem Bauplatz und das anschliessende Einsetzen veranschaulichen den modularen Bauansatz. Der erste BWRX-300 soll bis Ende 2030 ans Netz gehen.

Auch in den USA ist der Einsatz des BWRX-300 vorgesehen. Der Energieversorger Tennessee Valley Authority beantragte im Frühjahr 2025 bei der Nuclear Regulatory Commission (NRC) die Baubewilligung für einen Block am Standort Clinch River in Tennessee. Inzwischen sind die sicherheitstechnische und die umweltrechtliche Prüfung weitgehend abgeschlossen; der Entscheid wird für Herbst 2026 erwartet. Die kommerzielle Inbetriebnahme könnte in den frühen 2030er-Jahren erfolgen.

Der serienmässige Bau derselben Reaktorauslegung in mehreren Ländern ermöglicht es, Planungswissen, technische Unterlagen und Erkenntnisse aus den Genehmigungsverfahren weiterzugeben und gemeinsam Lieferketten aufzubauen. Davon können auch geplante europäische BWRX-300-Projekte profitieren.

Darlington SMR
Am kanadischen Kernkraftwerksstandort Darlington läuft der Bau des SMR BWRX-300. Es ist der erste Neubau eines Kernkraftwerks in Kanada seit über 30 Jahren und der erste SMR der Generation III+, der in den G7-Staaten gebaut wird. Der Screenshot zeigt das Einbringen der vormontierten Fundamentplatte in den Schacht des Reaktorgebäudes.
Quelle: Screenshot aus YouTube-Video von OPG

Fortgeschrittene Reaktoren für flexible Stromversorgung und Prozesswärme

In den USA erhielt der Reaktorentwickler TerraPower von der NRC am 9. März 2026 die Baugenehmigung für seine Natrium-Anlage in Kemmerer (Bundesstaat Wyoming). Am 23. April 2026 begann das Unternehmen mit den Bauarbeiten an den genehmigungspflichtigen Teilen der Anlage. TerraPower und die NRC bezeichnen «Natrium» daher als offiziell in Bau, obwohl der erste Beton für die Fundamentplatte des Reaktorgebäudes noch nicht gegossen wurde.

Herzstück der Anlage ist ein natriumgekühlter Schneller Reaktor der Generation IV mit 345 MWe. Ein Flüssigsalz-Energiespeichersystem kann die elektrische Abgabe bei hoher Nachfrage zeitweise auf 500 MWe erhöhen und ermöglicht einen flexiblen Betrieb der Anlage in einem Stromnetz mit hohem Anteil volatiler Stromerzeugung. Die Fertigstellung ist für 2030 vorgesehen.

Parallel dazu treibt TerraPower die Kommerzialisierung der Natrium-Technologie voran: Eine im Januar 2026 mit dem Technologiekonzern Meta geschlossene Vereinbarung unterstützt die Entwicklung von zwei Natrium-Anlagen und sichert dem Technologiekonzern Energiebezugsrechte aus bis zu sechs weiteren Einheiten.

Auch Industrieunternehmen planen den Einsatz von SMRs. Am Dow-Chemiestandort Seadrift in Texas sollen vier gasgekühlte Hochtemperaturreaktoren des Typs Xe-100 von X-energy entstehen. Die Anlage Long Mott wird insgesamt 320 MWe sowie Prozessdampf liefern und alternde Energie- und Dampfanlagen von Dow ersetzen. Der Bauantrag wurde im März 2025 eingereicht; im Mai 2026 schloss die NRC die Umweltprüfung ohne Feststellung erheblicher Auswirkungen ab. Die sicherheitstechnische Prüfung soll im November 2026 abgeschlossen werden. Erste Grafitkomponenten für den Reaktorkern werden bereits gefertigt.

Im Bundesstaat Washington entwickeln der Energieversorger Energy Northwest sowie der Reaktorentwickler und Brennstoffhersteller X-energy mit Unterstützung von Amazon den SMR-Kraftwerkspark «Cascade Advanced Energy Facility». Er soll Amazon-Datenzentren mit CO₂-armem Strom versorgen. Vorgesehen sind zunächst vier, später möglicherweise bis zu zwölf Xe-100 mit zusammen 960 MWe. Auch dieses Projekt folgt von Beginn an einem Flottenansatz.

Europäische Flottenpläne

In Europa stehen vor allem der britische Rolls-Royce-SMR und der amerikanisch-japanische BWRX-300 im Fokus. Die staatliche Projektorganisation Great British Energy – Nuclear (GBE-N) und der Reaktorentwickler Rolls-Royce SMR unterzeichneten im April 2026 einen Vertrag für die standortspezifische Planung und die nächsten Umsetzungsschritte von drei Einheiten am früheren Kernkraftwerksstandort Wylfa in Wales.

Jeder Rolls-Royce-SMR ist gemäss der Länderseite «Nuclear Power in the United Kingdom» der World Nuclear Association (WNA) zu den geplanten Neubauprojekten in Grossbritannien auf rund 490 MWe ausgelegt; zusammen erreichen die drei Blöcke rund 1,5 GWe. Der erste soll Mitte der 2030er-Jahre ans Netz. In ihrer Small Modular Reactor (SMR) Design Database weist die WNA allerdings einen Wert von 470 MWe für die Bruttoleistung eines Rolls-Royce-SMR aus.

Auch Schweden setzt auf den Rolls-Royce-SMR. Die Projektgesellschaft Videberg Kraft wählte im Juni 2026 drei Einheiten für die Halbinsel Värö bei Ringhals aus; nun beginnt die Detailplanung. Ende 2026 will Rolls-Royce SMR im britischen Derby das Fertigungsentwicklungszentrum Pioneer Works eröffnen, in dem Montage-, Schweiss- und Prüfverfahren für die Projekte in Grossbritannien, Tschechien und Schweden erprobt werden sollen.

In Tschechien sind mindestens sechs Rolls-Royce-SMRs mit bis zu 3 GW Gesamtleistung an den Standorten Temelín, Tušimice und Dětmarovice vorgesehen. Der tschechische Energiekonzern ČEZ hält rund 20% der Anteile an Rolls-Royce SMR.

Rolls-Royce SMR
In Wales sollen am bestehenden Nuklearstandort Wylfa drei Rolls-Royce-SMR gebaut werden. Das Projekt wird von der staatlichen Great British Energy – Nuclear vorangetrieben.
Quelle: Visualisierung: Rolls-Royce SMR

Besonders weit reicht der Flottenansatz in Polen: Orlen Synthos Green Energy beantragte im Juli 2026 für 14 BWRX-300 an drei Standorten staatliche Unterstützung in Form eines Differenzvertrags. Insgesamt plant das Unternehmen 26 Einheiten und den Aufbau einer polnischen SMR-Lieferkette. Auch Estland setzt auf den BWRX-300 und will zwei Einheiten errichten; die erste davon soll Ende 2035 in Betrieb gehen.

Neben Rolls-Royce SMR treibt in Europa auch die französische Entwicklerin Nuward ihr Projekt voran. Die Tochtergesellschaft des staatlichen Energieversorgers Électricité de France (EDF) will ihren gleichnamigen Nuward-SMR in den 2030er-Jahren ans Netz bringen.

Noch kein Massenmarkt

Der Markt für SMRs ist noch nicht breit etabliert. China und Russland verfügen jedoch bereits über Betriebserfahrung, während Kanada, die USA und Europa konkrete Projekte vorantreiben und vielfach einen Flottenansatz anstreben. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob sich die ersten Anlagen zu wiederholbaren Projekten mit verlässlichen Kosten und Terminen entwickeln. Entscheidend wird sein, ob Technik, Genehmigungen, Finanzierung, industrielle Fertigung und langfristig tragfähige politische Rahmenbedingungen erfolgreich zusammenspielen.

SMR-Weltkarte
Übersicht über ausgewählte kleine, modulare Reaktoren und kleine fortgeschrittene Reaktoren.
Quelle: Nuklearforum Schweiz

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Verfasser/in

B.G. nach mehreren Quellen

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