Spanien zwischen Ausstieg und Langzeitbetrieb
Spanien verfolgt weiterhin den Ausstieg aus der Kernenergie, doch der Kurs wird zunehmend hinterfragt. Proteste in Extremadura, Fragen zur Versorgungssicherheit und der Antrag zur Laufzeitverlängerung von Almaraz verleihen der Debatte neue Dynamik. Foro-Nuclear-Präsidentin Marta Ugalde Martínez über Chancen für eine Neubewertung.

Weltweit gilt der Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke zunehmend als wichtiger Baustein für Klimaziele, Versorgungssicherheit und Energiesouveränität. Die spanische Regierung von Pedro Sánchez verfolgt dagegen bislang einen Ausstiegspfad aus der Kernenergie: Die sieben verbleibenden Kernkraftwerkseinheiten sollen zwischen 2027 und 2035 schrittweise vom Netz gehen. Dieser Kurs gerät jedoch immer mehr unter Druck. Anfang 2025 gingen in der Extremadura Tausende Menschen gegen die geplante Schliessung des Kernkraftwerks Almaraz auf die Strasse. Damit rücken auch regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze in den Fokus. Der grossflächige Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im April 2025 hat nochmals deutlich Fragen nach Netzstabilität und gesicherter Leistung aufgeworfen.
Grund genug, bei der neuen Präsidentin des spanischen Kernkraftwerksverbands Foro Nuclear, Marta Ugalde Martínez, nach der Rolle der Kernenergie in Spanien, den Chancen für Laufzeitverlängerungen und den Bemühungen, den Ausstiegspfad noch zu korrigieren, zu fragen.
Marta Ugaldes Perspektive auf Spaniens Kernenergie
Für Marta Ugalde ist die Zukunft der spanischen Kernenergiebranche eng mit der strategischen Rolle der Kernenergie in einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld verbunden. «Jüngste globale Ereignisse haben gezeigt, dass die Reduktion von Emissionen zwar wesentlich ist, aber nicht ausreicht. Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Resilienz sind zu zentralen geopolitischen Prioritäten geworden», hält die Nuklearingenieurin fest. In all diesen Bereichen könne die Kernenergie einen wichtigen Beitrag leisten: Sie liefere CO₂-armen Strom rund um die Uhr zu wettbewerbsfähigen Kosten und bilde zusammen mit erneuerbaren Energien eine strategische Säule für ein stabiles und verlässliches Energiesystem.
Die am 20. März 2026 einstimmig gewählte Präsidentin des Foro Nuclear hat ihr Amt in einer Phase übernommen, die, wie sie sagt, «Fokus, Genauigkeit und offenen Dialog» verlangt. Entsprechend setzt sie zu Beginn ihrer Amtszeit auf einen faktenbasierten Dialog mit Politik, Industrie und Öffentlichkeit. Zugleich legt sie Wert auf langfristiges Denken, verlässliche energiepolitische Rahmenbedingungen und den Erhalt industrieller Wertschöpfung. Wie die Schweiz brauche auch Spanien verlässliche Rahmenbedingungen, Stabilität und einen breiten Konsens, damit die Energiewende gelinge.
Spanien als Sonderfall in einem internationalen Trend
Während viele Länder verstärkt auf den Langzeitbetrieb setzen, verfolgt Spanien weiterhin den 2019 vereinbarten Atomausstieg. Die Abschaltung der verbleibenden sieben Kernkraftwerkseinheiten ist zwischen 2027 und 2035 vorgesehen. Für Ugalde ist dieser Kurs vor dem Hintergrund veränderter energiepolitischer Realitäten überholt. «Laufzeitverlängerungen auf 60 Jahre oder in einzelnen Fällen sogar 80 Jahre sind international zum Standard geworden. Spanien bildet derzeit eine Ausnahme», erklärt sie. Dies wiegt umso stärker, als die sieben spanischen Kernkraftwerkseinheiten rund 20% des Stroms liefern und damit weiterhin einen bedeutenden Beitrag zur Versorgung leisten.
Almaraz als möglicher Wendepunkt
Almaraz-1 und -2 sollen nach geltendem Fahrplan 2027 beziehungsweise 2028 abgeschaltet werden. Doch aus Sicht der spanischen Nuklearindustrie könnte sich hier ein Wendepunkt abzeichnen. Im Oktober 2025 hat der Betreiber Centrales Nucleares Almaraz-Trillo (CNAT) einen formellen Antrag eingereicht, den Betrieb der beiden Blöcke bis 2030 zu verlängern. Laut Ugalde wird die spanische Nuklearaufsichtsbehörde Consejo de Seguridad Nuclear, (CSN) voraussichtlich im Sommer 2026 ihre technische Bewertung vorlegen, danach wird die Regierung entscheiden.
Bereits im Vorfeld des Antrags nannte Premierminister Pedro Sánchez jedoch drei «rote Linien», die nicht verhandelbar sind: nukleare Sicherheit, Versorgungssicherheit und keine Zusatzkosten für die Bevölkerung. Jede Laufzeitverlängerung muss gemäss Ugalde die Sicherheitsanforderungen vollständig erfüllen und auf einer verbindlichen technischen Bewertung durch die CSN beruhen. «Sind diese Bedingungen erfüllt, können Kernkraftwerke grundsätzlich weiterbetrieben werden und dabei unverändert hohe Sicherheits- und Leistungsstandards einhalten», so Ugalde.
Auch die Versorgungssicherheit sieht Ugalde durch Kernenergie gewährleistet. «Kernenergie leistet einen entscheidenden Beitrag zur Netzstabilität und unterstützt Frequenz- und Spannungshaltung. Als gesicherte, synchrone und träge Stromquelle liefert sie während nahezu 8000 Stunden pro Jahr vorhersehbare, stabile und kontinuierliche Leistung.»
Die dritte rote Linie besteht darin, dass Laufzeitverlängerungen keine Zusatzkosten für die Bevölkerung verursachen dürfen, auch nicht über Steuererleichterungen. Diese Bedingung erscheint bemerkenswert, da der Staat den Betreibern bereits hohe Steuer- und Abgabenlasten auferlegt, gleichzeitig aber eine Verlängerung ohne finanzielles Entgegenkommen erwartet. Ugalde betont, dass der Antrag für Almaraz ausdrücklich ohne Forderung nach Steuererleichterungen eingereicht worden sei und diese Bedingung damit nicht verletze. Zudem verweist sie auf die Belastung der Betreiber: «Die steuerlichen Belastungen und Abgaben für Kernenergie in Spanien gehören zu den höchsten in Europa», sagt sie. Aus ihrer Sicht werde durch eine Betriebsverlängerung keine der drei roten Linien übertreten. Unabhängige Studien bestätigten diese Einschätzung und deuteten darauf hin, dass ein vorzeitiger Atomausstieg sogar zu höheren Grosshandelsstrompreisen führen und die Versorgungssicherheit gefährden könnte.
Hohe Steuerlast als Risiko für Spaniens Kernkraftwerke
Das Foro Nuclear verweist seit Langem auf die hohe Steuer- und Abgabenlast für die spanischen Kernkraftwerksbetreiber. Ugalde sieht darin nicht nur ein Wettbewerbsproblem, sondern auch ein Risiko für den Weiterbetrieb der Flotte. Nach ihren Angaben sind mehr als 75% der variablen Kosten der spanischen Kernkraftwerke steuerbedingt. Dies führt dazu, dass selbst technisch verfügbare und grundsätzlich wettbewerbsfähige Anlagen bei sehr tiefen Börsenstrompreisen zeitweise abregeln müssen und wirtschaftlich unter Druck geraten, obwohl sie für die Systemstabilität benötigt werden. «Das gefährdet letztlich die wirtschaftliche Tragfähigkeit und den langfristigen Weiterbetrieb der spanischen Kernkraftwerksflotte», warnt Ugalde.
«Ein erheblicher Teil dieser Belastung resultiert aus Abgaben, die sich überschneiden oder nicht klar gerechtfertigt sind», führt Ugalde aus und präzisiert, «beispielsweise überschneiden sich die Abgabe auf ausgediente Brennelemente sowie regionale Umweltabgaben mit der Enresa-Gebühr». Letztere ist eine gesetzliche Abgabe zur Finanzierung der staatlichen Entsorgungsorganisation Enresa, die für Entsorgung und Stilllegung zuständig ist. Ugalde kritisiert, dass Einnahmen aus diesen Abgaben nicht zwingend direkt für jene Zwecke eingesetzt würden, die damit finanziert werden sollen. Daraus leitet sie Reformbedarf ab. «Es braucht eine Überprüfung dieses Steuer- und Abgabenrahmens, wenn wir ein kohärentes, effizientes und wirtschaftlich tragfähiges Energiesystem wollen, das den Beitrag der Kernenergie angemessen berücksichtigt», betont Ugalde.
«Entscheidend für den Langzeitbetrieb sind Klarheit und Stabilität. Notwendig ist ein Rahmen, in dem Brennstoffzyklen, grössere Investitionen und Personal langfristig geplant werden können», sagt sie. Die zentralen Hürden für Laufzeitverlängerungen sieht Ugalde weniger in der Technik als in wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese beeinflussen langfristige Investitionen und damit letztlich die Voraussetzungen für den Langzeitbetrieb.
Die technischen Anforderungen des Langzeitbetriebs
Für Präsidentin Ugalde ist der Langzeitbetrieb technisch kein Neuland. «Die Methodik für den Langzeitbetrieb ist gut etabliert, klar definiert und wird in mehreren Ländern erfolgreich umgesetzt», erklärt sie. Anlagen gleicher Auslegung wie Almaraz und Ascó seien in den USA bereits für Laufzeiten bis zu 80 Jahren zugelassen worden. Auch in Ländern wie der Schweiz zeige sich, dass Langzeitbetrieb nicht nur technisch machbar, sondern längst erprobte Praxis sei.
Die spanischen Kernkraftwerke verfügten über hohe Sicherheits- und Leistungsstandards, was regelmässig durch internationale Bewertungen bestätigt werde. «Spanische Kernkraftwerke gehören weltweit zu den leistungsstärksten Anlagen», betont Ugalde unter Verweis auf Bewertungen des Verbands World Association of Nuclear Operators (Wano). Zugleich hätten die Betreiber kontinuierlich investiert, nach ihren Angaben rund EUR 30 Mio. pro Block und Jahr, um die Anlagen in optimalem Zustand zu halten. «Aus regulatorischer Sicht erfüllen die spanischen Anlagen systematisch alle nationalen und internationalen Anforderungen», so Ugalde.
Wachsende Unterstützung und Folgen eines vorzeitigen Ausstiegs
Die Wahrnehmung der Kernenergie in Spanien verschiebt sich laut Ugalde zunehmend in Richtung Pragmatismus. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien wachse auch das Bewusstsein für den Beitrag der Kernenergie zu Netzstabilität, bezahlbarer Stromversorgung und Dekarbonisierung. «Die Unterstützung für Laufzeitverlängerungen spanischer Kernkraftwerke ist deutlich gestiegen», sagt sie mit Verweis auf Umfragen, wonach rund zwei Drittel der befragten Bevölkerung eine Verlängerung befürworten.
«Ein vorzeitiger Ausstieg hätte weitreichende Folgen: höhere Abhängigkeit von Gas, steigende Strompreise und volatilere Energiemärkte», hält Ugalde fest. Zudem würde eine Technologie verloren gehen, die «derzeit 20% des spanischen Stroms liefert und jährlich rund 20 Millionen Tonnen CO₂ vermeidet». Auch die sozialen Folgen dürften nicht unterschätzt werden. «Der spanische Kernenergiesektor beschäftigt rund 30’000 hochqualifizierte Fachkräfte, und seine Lieferkette ist in mehr als 40 Ländern aktiv.»
Ugalde verweist zudem auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche. «Spanische Unternehmen spielen eine strategische Rolle in der europäischen und globalen nuklearen Wertschöpfungskette», betont sie. Dies gelte insbesondere für Brennstoffdienstleistungen, Komponenten, Ingenieurwesen und fortschrittliche Fertigungstechnologien. Ein vorzeitiger Ausstieg wäre daher sowohl mit dem Verlust von Know-how als auch von Arbeitsplätzen verbunden. Besonders betroffen könnten Standortregionen sein, in denen Kernkraftwerke ein wirtschaftlicher Anker sind. Für Ugalde ist der Erhalt der sieben Reaktoren deshalb nicht nur industriepolitisch relevant, sondern auch zentral für Versorgungssicherheit und regionale Wirtschaftskraft.
Blackout als zusätzlicher Prüfstein
Zusätzliche Schärfe erhielt die Debatte um den Langzeitbetrieb der Kernkraftwerke nach dem Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel vom 28. April 2025. Für Ugalde hat der Stromausfall «die Notwendigkeit von Technologien aufgezeigt, die gesicherte, synchrone und träge Leistung bereitstellen, um zentrale Systemparameter wie Spannung und Frequenz innerhalb sicherer Grenzen zu halten». Die Kernenergie trage zur Frequenz- und Spannungshaltung bei und müsse im Energiemix erhalten bleiben. «Bereits am Tag danach setzte der Netzbetreiber eine sogenannte ‹verstärkte Fahrweise› um, mit deutlich mehr Gaskraftwerken im Einsatz und unter vollständiger Nutzung der Kernkraftwerksflotte», erläutert Ugalde. Dies unterstreiche die systemische Rolle der Kernenergie, insbesondere da Speicher und Netze derzeit noch im Ausbau seien.
Eine weitere Herausforderung für die spanische Kernenergiebranche sieht Ugalde in der Fachkräftefrage. Neben Regulierung und Wirtschaftlichkeit sei auch der Nachwuchs ein strategisches Thema. Der Sektor müsse sichtbarer machen, wie breit das Spektrum moderner Berufsbilder heute sei, von Ingenieurwesen über Digitalisierung bis Cybersicherheit. Organisationen wie Aemener, die spanische Vereinigung von Frauen im Energiesektor, und Women in Nuclear spielten dabei eine wichtige Rolle, gerade auch um mehr Frauen für technische und betriebliche Funktionen sowie Führungsaufgaben zu gewinnen. Für Ugalde ist dies ein wichtiger Baustein, um die Zukunftsfähigkeit der Branche und eine verlässliche Energieversorgung für die spanische Bevölkerung langfristig zu sichern.
Marta Ugalde Martínez
Seit März 2026 steht die Nuklearingenieurin Marta Ugalde Martínez an der Spitze des Foro Nuclear. Die frühere Direktorin für nukleare Aufsicht und internationale Koordination beim Kernkraftwerksverbund Almaraz-Trillo verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im spanischen und internationalen Nuklearsektor. Führungsaufgaben bei der World Association of Nuclear Operators (Wano) prägten zusätzlich ihr internationales Profil. Sie bringt breite Erfahrung in Sicherheit, Betrieb und strategischer Weiterentwicklung der Kernenergie mit. Ugalde gehört zu den profiliertesten Stimmen für den Langzeitbetrieb der spanischen Kernkraftwerke.
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Verfasser/in
B.G. nach einem Interview mit Marta Ugalde Martínez