«Wir sind da, um die Schweiz mit Strom zu versorgen, wenn sonst keiner da ist»

«Wir sind da, um die Schweiz mit Strom zu versorgen, wenn sonst keiner da ist»Diana Naidoo leitet seit Anfang 2026 das Kernkraftwerk Leibstadt. Sie ist die erste Frau, die in der Schweiz ein Kernkraftwerk führt. Im Interview spricht sie über Verantwortung, Langzeitbetrieb und darüber, warum für sie Sicherheit immer an erster Stelle steht.

30. Juli 2026
Diana Naidoo
Diana Naidoo ist Leiterin des Kernkraftwerks Leibstadt.
Quelle: Nuklearforum Schweiz

Diana Naidoo, wenn Sie das Kernkraftwerk Leibstadt in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?

Ich würde mich an unserer Mission orientieren: sicher, zuverlässig, wirtschaftlich. Das sind unsere Kernziele, nach denen wir jeden Tag arbeiten. Sicherheit hat dabei ganz klar oberste Priorität. Gleichzeitig geht es aber auch um Zuverlässigkeit im Sinne der Versorgungssicherheit, also darum, dass wir konstant Strom liefern können. Und natürlich spielt auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Wir müssen zeigen, dass wir Strom nicht nur sicher, sondern auch effizient produzieren können.

Was macht für Sie persönlich die Faszination aus, ein Kernkraftwerk zu leiten?

Es ist auf jeden Fall eine sehr spannende und auch herausfordernde Aufgabe. Und ja, natürlich ist es auch ein weiterer Schritt in meiner Karriere. Was mich aber wirklich fasziniert, ist die Arbeit mit dem Team. Wir haben hier ein hoch qualifiziertes, sehr engagiertes Team, und das zu führen, ist etwas Besonderes. In dieser Funktion sieht man effektiv das ganze Werk: technische Themen, Personal, Organisation – alles kommt zusammen. Und genau dieses Zusammenspiel, dass am Ende alles funktioniert, finde ich sehr spannend.

Gab es einen Moment in Ihrer Laufbahn, der Ihren Blick auf die Kernenergie besonders geprägt hat?

Ein prägender Moment war nicht direkt ein kernenergiespezifischer. Ich habe in Südafrika die sogenannten Rolling Blackouts miterlebt, also geplante rotierende Stromabschaltungen. Da merkt man sehr schnell, wie essenziell Strom ist und wie schwierig es ist, ohne ihn auszukommen, auch nur für eine gewisse Zeit. Das hat mir deutlich gezeigt, wie wichtig eine stabile Stromversorgung ist. Und damit auch, wie wichtig es ist, dass Kraftwerke zuverlässig laufen.

Sie tragen Verantwortung für das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz. Wann spüren Sie diese Verantwortung im Alltag am stärksten?

Die Verantwortung ist immer da, weil man ständig Entscheidungen trifft und sich überlegt, welche Auswirkungen sie haben könnten. Aber besonders spürbar wird es in aussergewöhnlichen Situationen, wenn etwas nicht nach Plan läuft oder wenn man vor schwierigen Entscheidungen steht. Aus meiner Zeit als stellvertretende Kraftwerksleiterin kenne ich solche Situationen schon. Der Unterschied ist: Früher gab es immer noch jemanden, der die letzte Entscheidung getroffen hat. Heute bin ich diese Person. Und das spürt man dann schon. Das kann auch mal zu schlaflosen Nächten führen.

Wie prägt das Spannungsfeld aus Sicherheit, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit Ihren Führungsstil konkret?

Man muss immer aufpassen, dass man nicht zu stark in eine Richtung geht. Aber es ist ganz klar: Sicherheit steht immer an erster Stelle. Wenn es Zweifel gibt, entscheidet man sich für die sichere Variante. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass ich ein starkes Team habe, das mir die verschiedenen Perspektiven aufzeigt. Ich bin darauf angewiesen, gute Informationen zu bekommen. Und am Ende treffen wir die Entscheidungen gemeinsam auf einer guten Grundlage. Kommunikation und Vertrauen sind dafür zentral.

Leibstadt steht für hohe Leistung und Zuverlässigkeit. Wo liegen die wichtigsten Hebel, um dieses Niveau langfristig zu sichern?

Ein ganz grosses Thema ist der Langzeitbetrieb. Unser Ziel sind 60 Jahre und darüber hinaus. Dafür müssen wir die Anlage laufend modernisieren. Viele Komponenten wurden ursprünglich für 40 Jahre ausgelegt, das heisst, sie müssen jetzt ersetzt oder erneuert werden. Gleichzeitig schauen wir auch nach vorn: Themen wie Digitalisierung und Innovation werden immer wichtiger. Es geht also darum, beides zu machen: die bestehende Anlage fit zu halten und sich gleichzeitig auf die Zukunft vorzubereiten.

Welche Themen beschäftigen Sie derzeit im Betrieb am meisten?

Ein grosses Thema ist sicher die Digitalisierung. Das betrifft einerseits die Leittechnik, andererseits aber auch viele betriebliche Prozesse. Ein konkretes Beispiel ist der Ersatz der analogen Sicherheitsleittechnik. Das Werk wurde ursprünglich noch mit analoger Technik ausgelegt, also ohne digitale Steuerung im heutigen Sinn. Diese Systeme ersetzen wir jetzt Schritt für Schritt durch moderne digitale Lösungen. Gleichzeitig schauen wir auch, wie wir Prozesse vereinfachen und effizienter gestalten können.

Welche Weiterentwicklungen sind vielleicht weniger sichtbar, aber entscheidend für den sicheren Langzeitbetrieb?

Es gibt viele Projekte, die nach aussen nicht so sichtbar sind, für uns aber sehr wichtig. Dazu gehört zum Beispiel der Ersatz von Notstromdieseln oder die Erneuerung radiologischer Überwachungssysteme. Zusätzlich haben wir ein umfassendes Betriebsdauermanagement aufgebaut. Da wird systematisch angeschaut, welche Komponenten wann überprüft oder ersetzt werden müssen. Wir orientieren uns dabei auch an internationalen Erfahrungen. Ziel ist es, die Anlage langfristig technisch auf einem sehr hohen Stand zu halten.

In der öffentlichen Diskussion wird viel über Kernenergie gesprochen. Was wird dabei häufig missverstanden?

Ich würde sagen, es wird oft unterschätzt, wie hoch unsere Sicherheitsstandards sind. Viele Ereignisse, die wir melden müssen, würden in anderen Industrien wahrscheinlich gar nicht erwähnt. Bei uns sind sie meldepflichtig, gerade weil wir so hohe Anforderungen haben. Das wird dann manchmal überinterpretiert. Gleichzeitig ist es natürlich nicht einfach, solche technischen Themen verständlich zu erklären.

Welche Rolle spielt Leibstadt heute für die Versorgungssicherheit der Schweiz?

Eine sehr wichtige, vor allem im Winter. Wir wissen, dass wir in dieser Zeit einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. Das ist uns bewusst und das spürt man auch in der Verantwortung. Gleichzeitig macht es Entscheidungen nicht einfacher, wenn man zum Beispiel aus Sicherheitsgründen abschalten muss. Aber Sicherheit ist nie verhandelbar. Und gleichzeitig gilt: Wir sind da, um die Schweiz mit Strom zu versorgen, wenn sonst eigentlich keiner da ist. Leibstadt läuft unabhängig von Wetter und Jahreszeit rund um die Uhr. Das macht uns zu einem der tragenden Pfeiler der Stromversorgung.

Die Schweiz hat den Ausstieg beschlossen, international wächst das Interesse an Kernenergie wieder. Wie nehmen Sie dieses Spannungsfeld wahr?

Man merkt schon, dass sich international etwas bewegt. Es wird wieder mehr gebaut, und das ist nicht nur ein kurzfristiger Trend. Für uns hat das zwei wichtige Effekte: Zum einen verbessert sich die Situation bei den Lieferketten. Und zum anderen sehen wir, dass wieder mehr Menschen Interesse haben, in der Branche zu arbeiten. Die Faszination für die Technologie ist bei vielen wieder da, und das spüren wir auch im Alltag.

Wenn Sie nach vorn blicken: Was möchten Sie als Kraftwerksleiterin noch erreichen – und was macht Sie zuversichtlich für die Zukunft?

Mein Ziel ist ganz klar, den Langzeitbetrieb von Leibstadt erfolgreich umzusetzen, also 60 Jahre und darüber hinaus. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das technisch erreichen können. Gleichzeitig ist es wichtig, dass das Know-how erhalten bleibt. Wenn man einmal komplett aufhört und später wieder neu anfangen möchte, wird das sehr schwierig. Deshalb ist ein laufendes Werk auch immer eine Brücke in die Zukunft.

Diana Naidoo ...

... ist seit Januar 2026 Kraftwerksleiterin des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) und damit die erste Frau, die in der Schweiz ein Kernkraftwerk führt. Zuvor war sie ab Mitte 2025 stellvertretende Kraftwerksleiterin und als Senior Expert tätig.

Die studierte Reaktorphysikerin (M.Sc., North West University, Südafrika) verfügt über langjährige internationale Erfahrung in der Kernenergie. Ihre Laufbahn begann sie in Südafrika in der Forschung zu Strahlung und Reaktortheorie, bevor sie unter anderem in der Entwicklung neuer Reaktorkonzepte sowie als Safety Engineer in Belgien tätig war.

Seit 2013 ist sie in der Schweiz tätig, zunächst in der Nuklearberatung. Ab 2020 leitete sie im Kernkraftwerk Beznau die Abteilung Reaktor und Sicherheit und übernahm ab 2023 zusätzlich die Funktion als stellvertretende Kraftwerksleiterin. Von 2021 bis 2024 war sie zudem Mitglied des Verwaltungsrats der Kernkraftwerk Leibstadt AG.

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Verfasser/in

Interview: S.D.

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