Die grosse Ernüchterung nach der grossen Ankündigung
Die Euphorie um die so genannte Energiewende in der Schweiz und in Deutschland ist verflogen. Bedenken und kritische Kommentare mehren sich.

Die Schlagzeilen sprechen für sich: «Erfolgreiches Betriebsjahr 2011», titelt das Kernkraftwerk Leibstadt (KKL) auf seiner Homepage. Das Kernkraftwerk produzierte im vergangenen Jahr 9481 Mio. kWh. Dies ist die höchste Jahresproduktion seit der Inbetriebnahme im Jahr 1984. Demgegenüber heisst es über der jüngsten Medienmitteilung von BKW Energie AG: «Veränderte Marktbedingungen erfordern Wertberichtigungen und Rückstellungen.» Und die Zeitungen hatten rasch einen Superlativ gefunden: «BKW erzielt den ersten Verlust in der Geschichte des Unternehmens.» (Berner Zeitung)
Wenn Energie «Staat im Quadrat» bedeutet
Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) versuchte, die Fakten einzuordnen. «Wenn Energie ‹Staat im Quadrat› bedeutet» - so der sinnige Titel der NZZ. Insbesondere mit Fokus auf die Restrukturierung der Axpo schreibt Redaktor Beat Gygi: «Nach dem grundsätzlichen Entscheid der Politik gegen die Kernenergie sind die Koordinaten nun aber neu zu bestimmen. Im Vordergrund stehen für Axpo kurz- und mittelfristig Energiebezüge aus dem Ausland, so weit als möglich aus neuen erneuerbaren Energien wie etwa Windkraftanlagen. Damit dürfte die Schweizer Energiewirtschaft praktisch auf den gleichen Weg gebracht worden sein wie die deutschen Energieunternehmen – wie überhaupt die gesamte ‹Energiewende› vor allem eine deutschsprachige Angelegenheit war, indem deutsche und schweizerische Politiker nach dem Unfall von Fukushima mehr oder weniger synchron in Richtung Stilllegung der Kernkraft vorangeschritten sind.»
Es liege nahe, dass sich der Stromkonzern Axpo nun durch Restrukturierung und Kostensenkungen besser auf die neuen, vorläufig durch schwache Nachfrage geprägten Märkte auszurichte und die Ertragskraft wiederherzustellen suche. Langfristig erscheine die Strategie erheblich riskanter, denn aus heutiger Sicht erfordere die Neuausrichtung bis 2030 offenbar Investitionen im Umfang von gut CHF 20 Mrd. Gygi im Originalton: «Was aus dieser Sicht besonders riskant erscheint, ist weniger die Summe an sich als die Tatsache, dass auf allen Seiten der Staat steht. Es ist die Politik, die die ‹Energiewende› beschlossen hat – und wer garantiert dafür, dass dieser Entscheid fundiert genug war, um in zehn oder zwanzig Jahren immer noch als Geschäftsgrundlage zu dienen? Und es ist die Politik, die Axpo besitzt und steuert – wer garantiert dafür, dass die Konzernführung trotz allem unternehmerisch und mit gesunder Skepsis gegenüber staatlichen Vorgaben agieren kann?»
E.On baut 11'000 Stellen ab
Nicht minder bemerkenswert sind die Schlagzeilen in unserem Nachbarland. E.On – Deutschlands grösster Energiekonzern – hat sich mit den Gewerkschaften auf den weltweiten Abbau von 11'000 Stellen geeinigt. Davon entfallen auf Deutschland rund 6000 Stellen. Damit sollen die Kosten bis 2015 auf EUR 9,5 Mrd. (CHF 11,5 Mrd.) gesenkt und so mehr Spielraum für Investitionen geschaffen werden. In der Medienmitteilung heisst es wörtlich: «Der Konzern, der mit den Folgen des Atomausstiegs zu kämpfen hat, einigte sich mit den Gewerkschaften Verdi und IG BCE auf einen entsprechenden Tarifvertrag. Ein Stellenabbau in dieser Grössenordnung war bereits seit Monaten geplant und ist damit nun besiegelt.»
Unlängst hat ein Konzernleitungsmitglied der Siemens die Kosten für den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 beziffert. Das Münchner Unternehmen, das alle 17 deutschen Atomkraftwerke im Wesentlichen gebaut hatte, rechnet mit Gesamtkosten auf EUR 1,7 Billionen (CHF 2,1 Billionen) – zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts. Diese Kosten müssen entweder die Konsumenten oder die Steuerzahler tragen.
Kritische Stimmen mehren sich: «Deutschland steht mit Atom-Ausstieg allein da», titelte am 24. Januar 2012 die «Bild»-Zeitung. Das Boulevard-Blatt zitierte den Präsidenten des renommierten Münchner Konjunkturforschungsinstituts IFO: Hans-Werner Sinn sieht Deutschland angesichts der geplanten Energiewende vor einem «langen und schwierigen Weg.» Die wichtigste Frage auf dem Weg zu einer klimaschonenden Energiegewinnung sei, wie der hohe Anteil fossiler Brennstoffe wie Kohle bei der Stromerzeugung dauerhaft und nachhaltig verringert werden könne. «Die Kernenergie scheidet als Weg zur Vermeidung von CO2-Treibhausgas hierzulande aber nun aus. Deutschland steht damit ziemlich allein in der Welt», sagte Sinn an einer Tagung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zum Thema Energieversorgung der Zukunft.
Subvention trotz Boom
Ungewohnte Töne selbst vom deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel»: «Subvention trotz Boom – Solarlobby-Chef verteidigt aggressiven Kurs», titelte Spiegel Online. Und weiter: «Die Solarförderung belastet die Verbraucher, doch der Umweltminister kappt die Kosten nur langsam. Ein Grund ist die aggressive Lobbyarbeit der Branche.» Inzwischen sind die Aktienkurse der Branche der erneuerbaren Energien in den Keller gerasselt. Solarworld hat seit den Höchstkursen im Jahr 2007 um über 90% nachgegeben. Teilweise noch mehr Verluste erlitten SMA Solar, Nordex oder Q-Cells. Damit verloren diese Aktien so viel wie die lange Zeit verschmähten Wertpapiere der Grossbanken. Die UBS fiel innerhalb von fünf Jahren um 78%, Crédit Suisse verlor 61%. Electricité de France (EdF) verlor in der gleichen Zeitspanne 67%. Gerne schieben die Chefs der Photovoltaik- und Windkraft-Unternehmen angebliche Dumping-Preise chinesischer Hersteller als Argument für die geschmolzenen Margen vor. Trotzdem fragen sich immer mehr Investoren, ob so eine (künftige) Boom-Branche aussieht. Auf den Punkt bringt es der Titel des «Hamburger Abendblatts»: «Der Ausstieg aus der Atomkraft als Wende ohne Energie.» Statt grüne Wiesen und helles Blau am Himmel ziehen hinter den Windrädern dunkle Wolken am Horizont auf.
Quelle
Hans Peter Arnold