Erfolgreiche SVA-Tagung "Kernenergie-Ausstieg ... was dann?"

An der SVA-Informationstagung vom 27./28. Mai 2002 im Kursaal Bern befassten sich rund 170 Teilnehmer und Referenten mit dem Thema "Kernenergie-Ausstieg ... was dann?". Die in einem Tagungsband publizierten Referate geben im Hinblick auf die anstehenden energiepolitischen Diskussionen den aktuellen Stand in entscheidenden Bereichen wieder. Tagungspräsident war Dr. Martin Pfisterer, Vizepräsident des VSE und Mitglied der Unternehmensleitung BKW FMB Energie AG.

27. Mai 2002

Stromversorgung im 21. Jahrhundert

Martin Pfisterer legte gleich zu Beginn der Tagung grossen Wert auf eine Erkenntnis: "Die Kernenergie trägt vierzig Prozent bei zur schweizerischen Stromproduktion, mit Schwergewicht notabene im nachfragestarken Winterhalbjahr. Ein Wegfall von vierzig Prozent des Stromangebots würde unseren Strommarkt arg erschüttern", erklärte er, und fuhr fort: "Ein Ersatz durch ausländische Kernenergie oder fossile Energien brächte, soweit überhaupt politisch akzeptiert und vom Angebot her verfügbar, neue Probleme der Versorgungssicherheit mit sich." Mit der breiten Behandlung der gestellten Frage "Kernenergie-Ausstieg ... was dann?" wolle diese Tagung einen Fachbeitrag zur öffentlichen Diskussion leisten. Dies einerseits mit Blick auf die Kernenergieabstimmungen vom nächsten Jahr, aber auch mit Blick auf die Elektrizitätsmarktgesetzabstimmung vom kommenden September.
Nationalrat Dr. Hajo Leutenegger, Mitglied des Schweizerischen Energierat, zeigte den Energie- und Strombedarf des 21. Jahrhunderts auf. Der Energiebedarf schaffe Abhängigkeit und es brauche Vorsorge und langfristige Planung durch Prognosen, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein. Die Halbwertszeit der Prognosen sei jedoch (leider) meist kürzer als der notwendige Planungshorizont. Szenarien hingegen zeigten mehr Freiräume und liessen Handlungsspielräume offen. Der Energiebedarf wachse auch im 21. Jahrhundert weiter an. Die Industriestaaten verbesserten zwar die Nutzung, der Bedarf in der dritten Welt werde sich jedoch bei schlechterer Nutzung drastisch steigern. Es sei somit eine der grossen Herausforderungen, den globalen Zugang zu Energiequellen zu sichern - technisch, politisch und wirtschaftlich - und Technologien weiterzuentwickeln, die v.a. der Reduktion der Treibhausgasemissionen dienten. So sollen Verbrennungstechnologien verbessert werden, der Erdgaseinsatz gesteigert werden, Diesel und Erdgas vermehrt als Treibstoffe verwendet werden und die Option Kernenergie offengehalten werden.
In seinem anschliessenden Referat "Kernenergie international" wies Dr. Bruno Pellaud, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie, unter anderem auf zwei Meilensteine des vergangenen Jahres in der Kernenergieentwicklung hin: Mitte August 2001 hatte die weltweite kumulierte Betriebserfahrung mit Kernkraftwerken 10'000 Reaktorbetriebsjahre erreicht, zudem konnte die nukleare Stromerzeugung Ende Jahr den 50. Geburtstag feiern. In seinem Vortrag legte er ein Schwergewicht darauf, den Status Quo der Kernenergie auf der ganzen Welt aufzuzeigen, gab aber auch einen Einblick in die Themen Uranreserven, Reaktorentwicklung und nukleare Entsorgung. Zusammenfassend stellte er fest, die internationale Kernenergie sei in Bewegung, in Osteuropa und Asien würden zahlreiche Kernkraftwerke gebaut, aber auch in westlichen Staaten mit Bedarf nach Zusatz- oder Ersatz-Stromerzeugungskapazität würden die Weichen Richtung Neubau von KKW gestellt.

Alternativen zur Kernenergie
Mit dem Titel "Optionen der Kernenergiepolitik" überschrieb Dr. Walter Steinmann, Direktor des Bundesamtes für Energie, seinen Beitrag zur Tagung. Er erwähnte die fünf Volksinitiativen gegen die Kernenergie, die seit 1979 auf Bundesebene zur Abstimmung gelangten (und bis auf die Moratoriumsinitiative 1990 alle abgelehnt wurden). Nach Meinung des Bundesrates zum momentan in Behandlung stehenden Kernenergiegesetz müsse in diesem die Option Kernenergie offen gehalten werden - auf der anderen Seite lehnt der Bundesrat die beiden Ausstiegsinitiativen Strom ohne Atom und MoratoriumPlus ab. Als Grund fügte er neben den hohen volkswirtschaftlichen Mehrkosten auch die erschwerte Erreichung der CO2-Ziele an. Als Fazit seines politischen Tour d'horizon, nach Abwägen der Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten der zukünftigen Schweizer Stromversorgung, führte er aus: "Zu empfehlen ist deshalb, für die Zukunft alle Optionen, inklusive der Kernenergie, offen zu halten".
Prof. Alexander Wokaun vom Paul Scherrer Institut stellte verschiedene Perspektiven zur partiellen schweizerischen Energiebedarfsdeckung mit neuen erneuerbaren Energien vor. Er hob hervor, dass Strom und Wärme immer gemeinsam in Szenarien miteinbezogen werden müssen. Der jetzige Mix aus Atomenergie und Wasserkraft zur Schweizer Strombedarfsdeckung könnte im Hinblick auf die CO2-Emissionen optimiert werden, falls die beiden Grundkomponenten beibehalten und zudem mehr gespart würde sowie neue erneuerbare Energien vermehrt zum Einsatz kämen. Neue Erneuerbare müssten jedoch immer zusammen mit Effizienzsteigerung und Nachfragemanagement (Energiedienstleistungen) diskutiert werden. Geothermie und Solarenergie seien teure Optionen für den Standort Schweiz. Das Potential der Windenergie hingegen sei evaluiert, die Standortfrage im Hinblick auf Landschaftsschutz und Verfügbarkeit aber noch offen. Global und längerfristig (2050) besitzen die erneuerbaren Energien seiner Meinung nach ein hohes Potenzial.
Die dezentrale fossile Stromproduktion könnte kurz- und mittelfristig zum Abbau von Stromüberproduktion beitragen. Der Gesamtwirkungsgrad wäre optimal, neue Technologien fänden Anwendung und die Marktöffnung kann für diese Entwicklung durchaus als Chance betrachtet werden. Dies erklärt Martin Saxer, Direktor des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie, in seinem Referat "Möglichkeiten der fossilen Stromproduktion". Um diese Option weiter zu entwickeln, müssten jedoch faire energie- und umweltpolitische Rahmenbedingungen mit marktorientierten Parametern als Basis geschaffen werden. Ob längerfristig die zentrale Stromproduktion aus nicht erneuerbaren Energien (fossil und nuklear) Bestand hat, bleibe für den Standort Schweiz letztlich ein politischer Entscheid.
Als mögliche Alternative zur momentan schwergewichtig auf Kohlenstoff basierenden Energieversorgung brachte Dr. Bruno Walter, Mitglied der Geschäftsleitung Sulzer AG, die Brennstoffzelle ins Gespräch. Mit ihr, so Walter, werde chemische Energie direkt in elektrische Energie umgewandelt, womit ein hoher Wirkungsgrad erreicht werde. Eine vollkommene Unabhängigkeit von den fossilen Brennstoffen bestehe aber nur, wenn der Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen gewonnen werde. Auch die Kernkraft könnte nach seiner Meinung einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung mit sehr geringen Emissionen leisten; leider seien aber die Uranvorkommen beschränkt und zusätzlich sei die Kernenergie wegen des Unfallrisikos sowie des Problems der radioaktiven Abfälle nur bedingt akzeptiert. Die grössten Anstrengungen von Sulzer Hexis als Entwickler von Brennstoffzellen werden im Moment auf stationäre Brennstoffzellenkraftwerke gelegt, die Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser oder ganze Häuserblocks mit elektrischer und thermischer Energie versorgen.

Zukunft der Kernenergie
Die Schweiz betreibt in ihren Kernkraftwerken ein kontinuierliches Verbesserungsprogramm, eine Optimierung des bestehenden Kraftwerkparks. Dies als Antwort auf die Herausforderungen der Politik und des Wettbewerbs. Mario Schönenberger, Leiter des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL), beleuchtete in seinem Referat die verschiedenen Massnahmen, die dazu dienen. An der Spitze der Massnahmen steht die Sicherheit der Anlagen, die ständig dem neuesten Stand der Technik angepasst werden. Optimierung heisst daneben aber auch Verkürzung der Revisionszeiten, Erhöhung der Produktion und Senkung der Kosten: Das KKL beispielsweise konnte diese seit seiner Inbetriebnahme soweit senken, dass die Gestehungskosten für eine Kilowattstunde statt über 10 heute nur noch 5,69 Rappen betragen; bei den anderen Werken sehen die Zahlen ähnlich aus. "Sichere und wirtschaftliche Kraftwerke sind die Basis der heutigen und zukünftigen Akzeptanz der Kernenergie. So werden die Schweizer Kernkraftwerke auch in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur sicheren, CO2-freien Elektrizitätsversorgung der Schweiz leisten", schloss er seine Ausführungen.
Aus der Herstellersicht beleuchtete Dr. Ralf Güldner von der Framatome ANP GmbH die Merkmale zukünftiger Kernkraftwerke. Die Neubewertung der Kernenergie, wie sie auf der Ebene der EU sowie in den USA und in anderen Ländern stattfindet, ist unter anderem die Folge der Entwicklung einer Vielzahl neuer Reaktortypen. Auf der Basis bewährter Technik stehen damit heute weiter entwickelte Reaktortypen zur Verfügung, die in den beiden nächsten Jahrzehnten bei der Erneuerung und Erweiterung des Kraftwerksparks der Industrieländer zum Einsatz kommen können und im liberalisierten Strommarkt wettbewerbsfähig sind. Industrie und Forschungszentren arbeiten darüber hinaus an neuartigen Reaktorkonzepten ("Generation IV"), die längerfristig die bestehenden Baulinien ergänzen können.
Über "Entwicklungen in der Kernbrennstoffversorgung und -entsorgung" berichtete Dr. Hans Fuchs, Leiter Thermische Produktion der Aare-Tessin AG (Atel) und Geschäftsleiter des Kernkraftwerks Gösgen. Nach seinen Ausführungen waren die friedliche Nutzung der Kernenergie und speziell Kernbrennstoffe schon immer stark international geprägt. Das Ende des Kalten Krieges hat neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit und der zivilen Nutzung militärischer Materialien und Einrichtungen eröffnet. Die heutigen Kernkraftwerke nutzen fast nur das spaltbare Uranisotop Uran-235, das im Natururan mit nur 0,7% vertreten ist. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Kernbrennstoffe eröffnet die Möglichkeit zur Rezyklierung und damit zur Nutzung des nicht spaltbaren Isotops Uran-238 (99,3%) über heutige Reaktoren bis zu höher konvertierenden und schnellen Systemen. Gleichzeitig können Menge und Langlebigkeit der radioaktiven Abfälle verkleinert werden.

Perspektiven für den Schweizer Strommix
Der Ausstieg aus der Kernenergie stellt eine grossangelegte Kapitalvernichtung dar. Die Ausstiegsvariante "Strom ohne Atom" hätte direkte Mehrkosten von CHF 13,6 Mrd. zur Folge, die Annahme der "MoratoriumPlus"-Initiative CHF 8,8 Mrd. Dies führte Prof. Silvio Borner vom Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel aus. Der vorzeitige Ausstieg hätte eine zunehmende Belastung der Luft mit Schadstoffen aus der Verbrennung fossiler Energieträger zur Folge. Dafür müssten an anderen Stellen der Volkswirtschaft zusätzliche Emissionsvermeidungsmassnahmen getroffen werden. Beim Treibhausgas CO2 könnten die Mehrkosten dafür nochmals in der Grössenordnung der direkten Ausstiegskosten liegen. Durch den Ausstieg stiegen somit die Kosten der Stromversorgung immens und auch die Abhängigkeit von ausländischen Energielieferanten würde zunehmen. Der Weiterbetrieb hingegen ergibt einen zeitlichen Spielraum für die Entwicklung des künftigen Strommixes und erlaubt es, Lösungen zu finden, die ökologischen und ökonomischen Kriterien Rechnung tragen.
"Die gegenwärtigen Diskussionen innerhalb der OECD aber auch innerhalb der EU zeigen, dass zwei Kriterien massgeblich den Umfang der zukünftigen Nutzung der Kernenergie beeinflussen: Die Wettbewerbsfähigkeit und die Erfüllung des Nachhaltigkeitsbegriffs gemäss Brundtland-Kommission und Rio-Deklaration, wonach schonende Umweltnutzung sowie wirtschaftliche und soziale Entwicklung gleichermassen anzustreben sind." Diese Schlussfolgerung zog Peter Hirt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft der Kernfachleute SGK am Ende seines Vortrages "Akzeptanz dank Nachhaltigkeit". Durch Einbezug der externen Kosten (insbesondere die Kosten der heute noch schwer zu bewertenden Klimaveränderungen durch Emissionen aus den Energieerzeugungssystemen) ergibt sich nach seiner Einschätzung bei der Kernenergie nicht nur ein Gleichstand mit den anderen wettbewerbsfähigen Energieträgern Kohle, Erdöl und Erdgas, sondern sogar ein Kostenvorteil.
"Forderungen der Politik an den künftigen Strommix" so lautet das Referat von Nationalrat Adrian Imfeld, Mitglied der Kommission für Umwelt, Verkehr und Energie (Urek) des Nationalrates. Die öffentliche Meinung hängt nach Imfeld "empfindlich von der Versorgungssicherheit ab, und die nukleare Stromproduktion wird mit Versorgungssicherheit gleichgesetzt. Das ist das tragische Paradox der Kernenergie in unserer öffentlichen Meinung: Dort, wo die Versorgungssicherheit dank Kernenergie eine Selbstverständlichkeit geworden ist, möchte man sie abschaffen. Man meint, man könne sie durch Sonne und Wind ersetzen, obwohl dies zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind."
Zum Abschluss der Tagung machte Nationalrat Dr. Pierre Triponez, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes die Position der Wirtschaft zur Schweizer Atomenergie-Politik klar: "Das klare Bekenntnis der KMU zur Weiterführung und Förderung der Nukleartechnologie beruht auf der Überzeugung, dass die Sicherheit unserer Atomkraftwerke mittels technischer Schutzmassnahmen gewährleistet werden kann und dass eine zukunftsweisende Energiepolitik unter diesen Umständen darauf ausgerichtet sein muss, den künftigen Energiebedarf mittels möglichst hoher Produktionseffizienz, optimalem Entwicklungspotenzial, wirtschaftlich tragfähigem Nutzen und umweltschonenden Technologien mit langfristiger Ressourcensicherheit zu garantieren. Gerade weil den fossilen Energieträgern diesbezüglich nach einhelliger Überzeugung der Fachleute klare Grenzen gesetzt sind und Alternativenergien wie beispielsweise die Sonnenenergie oder die Windenergie die sich abzeichnende Knappheit in der Zukunft - wenn überhaupt - so nur in bescheidenem Umfang vermindern können, wird die Atomenergie aller Voraussicht nach auch künftig einen unersetzlichen und damit unverzichtbaren wichtigen Pfeiler unserer Energieversorgung bilden."

Quelle

D.S./H.R.

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