Es geht (noch) gar nicht um neue AKW

In der aktuellen Diskussion über die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz malen Gegner das Bild eines unmittelbar bevorstehenden Neubaus – dabei geht es in Wahrheit nur um die Freiheit, überhaupt wieder über neue Kernkraftwerke nachdenken zu dürfen. 

13. Jan. 2026
Eine offene Tür
Räume für neues Denken öffnen: Die Aufhebung des Neubauverbots bedeutet nicht, sofort neue Kernkraftwerke zu bauen, sondern erlaubt es, wieder technologieoffen denken, prüfen und entscheiden zu dürfen.
Quelle: Nuklearforum Schweiz, KI-generiert

Die Umwelt-, Raumplanungs- und Energiekommission des Ständerats (UREK-S) hat mit den Beratungen zur möglichen Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke begonnen. Damit rückt eine alte Frage wieder in den Fokus, die erstaunlich emotional geführt wird. Und das, obwohl es im Moment gar nicht um neue Reaktoren geht. Es geht nur darum, ob die Schweiz sich grundsätzlich die Möglichkeit offenhalten will, in Zukunft über neue Kernkraftwerke zu entscheiden. 

Kaum fällt das Stichwort «Kernkraft», wird die Debatte reflexartig auf ein ganz anderes Gleis gelenkt. Gegnerinnen und Gegner malen das «Horrorszenario» eines unmittelbar bevorstehenden AKW-Baus an die Wand: Milliardenkosten für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, Sicherheitsrisiken, ungelöster Abfall. So wird aus einer sachlichen Frage eine emotionale Abwehrreaktion. 

Doch diese Argumentation verfehlt den Punkt. Es geht nicht darum, ob morgen ein neues Kernkraftwerk gebaut werden soll – sondern darum, ob wir es heute verantworten wollen, zukünftigen Generationen zu verbieten, überhaupt über diese Option nachzudenken. Und genau hier liegt das Problem: Es mag Argumente geben, die gegen ein konkretes Neubauprojekt sprechen. Aber kaum eines, das ein grundsätzliches Verbot einer Technologie rechtfertigt. Dass man sich bei der Kernenergie entschieden hat, den Fortschritt per Gesetz zu stoppen, ist keine Vorsicht, das ist Stillstand per Dekret. 

Kosten: Probleme lösen statt Technik verbieten 

Wer in einer Diskussion auf das Kostenargument trifft, darf ruhig fragen: Seit wann verbieten wir Technologien, nur weil sie effizienter werden müssen? Niemand hätte die Digitalisierung eingeführt, wenn man nur auf die ersten Fehlschläge und hohen Investitionen geschaut hätte. Neue Systeme waren kostspielig, Datenpannen häufig, Umstellungen mühsam und trotzdem hat man weitergemacht, verbessert, gelernt. Heute ist digitale Technologie selbstverständlich, effizient und unverzichtbar. Genau so funktioniert Fortschritt, auch in der Energie: durch Weiterentwicklung, nicht durch Verbote. 

Bauzeiten: Wer gar nicht erst beginnt, kommt nie an 

«Das dauert alles zu lange», heisst es oft. Auch das klingt vernünftig und verhindert doch jedes langfristige Denken. Natürlich sind Grossprojekte komplex. Aber auch hier gilt: Zeit ist kein Argument für ein Verbot. Im Gegenteil: gerade, weil der Aufbau einer neuen Strominfrastruktur Jahre dauert, müsste man heute beginnen, Optionen offenzuhalten. 

Und überhaupt: Zu spät für was? Für die Erreichung der Klimaziele bis 2050? Selbst wenn ein neues Kernkraftwerk erst nach 2040 oder 2050 ans Netz käme, der Strombedarf wird ja nicht an diesem Datum für die Ewigkeit fixiert. Er wird weiter steigen, wenn Verkehr, Wärme und Industrie elektrifiziert werden. Das Jahr 2050 ist keine Ziellinie, sondern ein Zwischenstand auf einem langen Weg. Wer also sagt, neue Kernkraftwerke kämen «zu spät», sollte erklären, wofür genau. Für den nächsten Winter vielleicht – aber sicher nicht für die Energiezukunft der kommenden Generationen. Wenn man also hört, dass neue AKW «zu spät kommen», kann man erwidern: Noch später wäre es, wenn wir gar nicht anfangen dürfen zu denken. 

Sicherheit: Fortschritt statt Angst 

Sicherheitsbedenken verdienen Respekt und sie sind ernst zu nehmen. Aber auch sie taugen nicht als Begründung für ein pauschales Verbot. Die Realität sieht nämlich anders aus: Kein Bereich der Industrie ist so streng reguliert, überprüft und international vernetzt wie die Kerntechnik. Die globalen Sicherheitsstandards der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), die Aufsicht unabhängiger Behörden und jahrzehntelange Betriebserfahrung haben dazu geführt, dass schwere Unfälle extrem unwahrscheinlich geworden sind. 

Neue Reaktorkonzepte setzen auf passive Sicherheitssysteme, die sich im Notfall ohne menschliches Zutun selbst abschalten. Und die Schweizer Nuklearaufsicht, das Ensi, gilt weltweit als besonders streng. 

Wer also behauptet, Kernkraft sei «unsicher», sollte gefragt werden: Unsicher im Vergleich zu was? Zu Importen aus fossilem Gas? Zu einem Stromnetz, das im Winter an der Grenze läuft? Sicherheit bedeutet, Risiken zu kennen, zu beherrschen und sich der Verantwortung zu stellen. 

Abfall: ein ungeliebtes, aber lösbares Thema 

Das Thema radioaktiver Abfall wird oft als Joker ausgespielt – als das Argument, das alle anderen sticht. Doch in Wahrheit ist das Ganze längst auf einem guten Weg. Mit dem Projekt zum Bau einer geologischen Tiefenlagers verfügt die Schweiz über ein klar geregeltes, wissenschaftlich fundiertes Verfahren, das international als vorbildlich gilt. Es ist ein anspruchsvolles Projekt, ja – aber es zeigt genau das, was man von einer verantwortungsvollen Technologie erwarten darf: dass sie ihre Probleme löst, statt sie zu verdrängen. 

Wer über den Abfall redet, kann ruhig sagen: Dieses Problem ist technologisch gelöst. Wer das Gegenteil behauptet, verweigert sich der Realität oder will die Debatte verhindern. 

Das Neubauverbot für Kernkraftwerke war eine politische Reaktion auf Angst. 2011 war das vielleicht verständlich, aber aus heutiger Sicht überholt. Strommangel, Klimaziele, Versorgungssicherheit: Die Herausforderungen von heute verlangen mehr Offenheit, nicht mehr Tabus. Eine Aufhebung des Verbots ist kein Freipass für neue Reaktoren. Sie ist ein Zeichen von Vertrauen in unsere Institutionen, unsere Technologiekompetenz und unsere Fähigkeit, künftige Entscheide verantwortungsvoll zu treffen. 

Was jetzt zählt 

Wenn die Diskussion in den nächsten Monaten weitergeht, sollten wir uns eines bewusst machen: Es geht nicht darum, heute Ja oder Nein zu einem neuen AKW zu sagen. Es geht darum, ob wir diese Entscheidung in Zukunft überhaupt noch treffen dürfen. 

Die Gegner der Kernenergie setzen darauf, dass sich Angst besser verkauft als Argumente. Umso wichtiger ist es, dass jene, die es besser wissen, sich jetzt einbringen und ruhig sowie sachlich mit Fakten argumentieren. 

Wer über die Aufhebung des Neubauverbots spricht, spricht nicht über Beton und Baustellen, sondern über Verantwortung, Zukunft und Vertrauen in die eigene Urteilskraft. Diese Debatte braucht Stimmen, die den Mut haben, sie auf die richtige Ebene zu bringen. 

Denn die vernünftigste Haltung ist heute die einfachste: Die Schweiz braucht keine Garantie für neue Kernkraftwerke – aber sie braucht die Freiheit, sie eines Tages wieder prüfen zu dürfen. 

Quelle

Stefan Diepenbrock, Leiter Kommunikation beim Nuklearforum Schweiz.

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