ETH-Studie: Kernenergieausstieg möglich unter bestimmten Bedingungen

Ein Umbau der Energieversorgung in der Schweiz ohne Kernenergie bis 2050 ist grundsätzlich technologisch möglich und wirtschaftlich verkraftbar, bedinge aber eine koordinierte gesamtwirtschaftliche Anstrengung. Zu diesem Schluss kommt eine Gruppe Forschender des Energy Science Centers (ESC) an der ETH Zürich.

15. Sep. 2011
Ralph Eichler, Präsident der ETH Zürich im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung zur Studie des ESC: «Es gibt keine einheitliche Meinung der ETH [zur Kernenergie]. Die Bewertung der Fakten ist unter den Professoren unterschiedlich. Und das soll auch erlaubt sein. Wir zeigten, unter welchen Bedingungen ein Atomausstieg möglich ist.»
Ralph Eichler, Präsident der ETH Zürich im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung zur Studie des ESC: «Es gibt keine einheitliche Meinung der ETH [zur Kernenergie]. Die Bewertung der Fakten ist unter den Professoren unterschiedlich. Und das soll auch erlaubt sein. Wir zeigten, unter welchen Bedingungen ein Atomausstieg möglich ist.»
Quelle: ETH Zürich / Gerry Amstutz

Die Studie wurde am Energiegespräch der ETH Zürich vom 2. September 2011 vorgestellt und diskutiert. Laut der Studie ist und bleibt der Eckpfeiler sämtlicher energiepolitischer Bestrebungen eine Reduktion der Treibhausgasemissionen pro Kopf von heute 5,2 t CO2-Äquivalenten im Jahr auf weniger als 2 t 2050 und auf 1 t jährlich gegen Ende des Jahrhunderts. Dies bedinge unter anderem eine CO2-freie Gebäudeheizung und einen minimalen CO2-Ausstoss bei der Stromerzeugung, was laut Berechnungen am ESC auch ohne Kernenergie möglich ist.

Mittelfristig Gaskraftwerke notwendig

Die Elektrizitätsnachfrage werde sich bis 2050 in einer Bandbreite von jährlich 67 bis 92 TWh einpendeln (inklusive Wärmepumpen und teilelektrische Mobilität). Die ETH-Forschenden rechnen mit einem mittleren Szenario von 80 TWh. Nach einem bescheidenen Ausbau könne die Wasserkraft mit knapp 50% einen wichtigen Sockelbeitrag leisten. Sollten die restlichen 40 TWh ohne Kernenergie gedeckt werden, ist laut Konstantinos Boulouchos, koordinierender Autor der Studie, ein starker Ausbau der erneuerbaren Energien erforderlich, primär von Fotovoltaik, gefolgt von dezentralen Biomassennutzung und schliesslich der Geothermie. Mittelfristig hält die ETH den Einsatz von flexiblen Gaskraftwerken und/oder Stromimporte für notwendig. Laut der Studie sollte die CO2-Abtrennung und -Lagerung bei Gaskombikraftwerken in rund 15 Jahren möglich sein.

Aus- und Umbau des Stromnetzes unabdingbar

Von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Umsetzung einer nachhaltigen Energieproduktion ist die Energieeffizienz. Hier legt die Studie den Fokus unter anderem auf Minimierung der Energieverluste beim Stromtransport und bei der Speicherung. Dies bedinge auch einen umfassenden Aus- und Umbau des Stromnetzes, der zügig zu planen und durchzuführen ist. Am meisten Energiesparpotenzial sehen die Forschenden indes im Gebäudebereich und bei der Mobilität.

Ohne Kernenergie leicht verzögertes Wohlstandsniveau

Insgesamt schätzt Lukas Bretschger, Professor für Ressourcenökonomie, innerhalb der Studie die zusätzlichen wirtschaftlichen Kosten bei einem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie als relativ gering ein. Seine Modellrechnungen weisen für die nuklearfreie Versorgung ein um rund 0,05% tieferes Wachstum jährlich aus – bei einem jährlichen sektoralen Wachstum zwischen +0,7 und 1,7%. Mit anderen Worten: das 2050 mit Kernenergie erzielte Wohlstandsniveau würde bei einem Verzicht auf diese Energieform erst ein Jahr später eintreffen.

Optionen für fortgeschrittene Kernkraftwerke offen halten

Zum Schluss des Energiegesprächs an der ETH wurde festgestellt, dass die Transformation zu einem nachhaltigen Energiesystem ohne Kernenergie zwar eine grosse technologische Herausforderung sei, aber technisch und ökonomisch machbar. Ralf Eichler, Präsident der ETH, betonte jedoch in einem NZZ-Interview vom 12. September 2011: «Wir müssen uns sicher alle Optionen für neue, technisch fortgeschrittene Kernkraftwerke offenhalten.» Er denke etwa an den Kugelhaufenreaktor. Wichtig sei jedenfalls die Ausbildung von Fachleuten, auch für den Rückbau der bestehenden Anlagen und die Lagerung des radioaktiven Abfalls, so Eichler weiter.

Quelle

D.S. nach ETH-Life und Unterlagen zum Energiegespräch an der ETH Zürich, 2. September, und NZZ, Interview, 12. September 2011

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