Wie lassen sich Kernenergie und Umwelt miteinander versöhnen? Der gerechte Kampf von Bruno Comby

Kann man Umweltaktivist und gleichzeitig Befürworter der Kernenergie sein? Der französische Polytechniker und Ingenieur Bruno Comby ist Präsident der Association des écologistes pour le nucléaire (AEPN) und heute dank seinen Büchern und seiner in 18 Sprachen übersetzten Website weltbekannt. Er beantwortet unsere Fragen.

12. Aug. 2007
Bruno Comby: «Der Widerstand der Umweltschützer gegen die Kernkraft ist ein historischer Fehler…».
Bruno Comby: «Der Widerstand der Umweltschützer gegen die Kernkraft ist ein historischer Fehler…».
Quelle: Institut Bruno Comby

Man kennt Sie als atomfreundlichen Umweltschützer. In der Schweiz würde eine solche Bezeichnung allerdings als Provokation verstanden. Wie gehen Sie mit diesem Image um?

Das ist doch alles andere als eine Provokation! Es gibt ausgezeichnete Gründe, um aus ökologischer Sicht für die Kernenergie zu sein. Sie ist eine sehr saubere und umweltfreundliche Energiequelle, die fast keine Treibhausgase produziert. Bei richtiger Konzeption der Reaktoren sind die Umweltrisiken unbedeutend. Die Kernenergie verbraucht sehr wenig Rohstoffe, denn ein Gramm Uran enthält gleich viel Energie wie eine Tonne Erdöl. Es fallen nur sehr geringe Mengen fester Abfälle an und ihre Lebensdauer ist beschränkt, denn sie zersetzen sich von selbst. Sachgerecht verpackt und verglast gelangen sie nicht mehr in die Ökosysteme.

Wie erklären Sie sich den Atomenergie-Sonderfall Frankreich? Mit anderen Worten: Wie ist es Frankreich gelungen, diese im internationalen Vergleich aussergewöhnliche Produktionskapazität aufzubauen?
1973, zur Zeit der ersten Erdölkrise, verfügten Grossbritannien und Deutschland über grosse abbaubare Kohlereserven. In der Schweiz wurde der Strom hauptsächlich aus Wasserkraft erzeugt. Frankreich jedoch hatte keine oder fast keine Kohle und im Verhältnis zur Bevölkerung ein viel geringeres Wasserkraftpotenzial als die Schweiz. Aber es besass nukleares Know-how. Die Entscheidung war daher naheliegend. Es gab keine andere gangbare Lösung, ausser man erhöhte - wie dies Italien und andere Länder taten - die Abhängigkeit von den Gas-, Erdöl- und Kohleimporten. Die damaligen französischen Entscheidungsträger waren Visionäre. Sie trafen die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt, indem sie eine Sparpolitik - die berühmte «Chasse au gaspi» Ende der 1970er-Jahre - sowie ein Kernenergieprogramm starteten, um das uns heute die ganze Welt beneidet.

Warum wird die Kernenergie trotz ihrer ökologischen Vorteile in der Öffentlichkeit oft als ein Widerspruch zum Umweltschutz aufgefasst?
Weil es einer kleinen, aber sehr aktiven Minderheit von Umweltschützern gelungen ist, ihre Standpunkte über die Medien durchzusetzen. Heute ist jedoch ein Umdenken zu beobachten. Immer mehr Umweltschützer sprechen sich für die Atomenergie aus. Insbesondere ist dies der Fall bei der von mir geleiteten Association des écologistes pour le nucléaire. Ihr gehören Leute an wie James Lovelock, Begründer der sogenannten Gaia-Hypothese, der seit den 1960er-Jahren als historischer Vater des Umweltschutzes betrachtet wird, oder Patrick Moore, Mitbegründer der Bewegung Greenpeace im Jahr 1971. Unser Verein zählt heute über 9000 Mitglieder und Unterzeichner in 56 Ländern.

Welches sind die Kommunikationsfehler der pronuklearen Organisationen?
Zweifellos die Angst und die Schwierigkeit, die ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen, wissenschaftlichen und gar philosophischen oder sozialen Vorteile der Kernenergie aufzuzeigen. Man muss aber offen sein und die Dinge bei ihrem Namen nennen. Man darf sich nicht fürchten vor der Debatte, selbst wenn manchmal (zum Glück allerdings selten) die Gefahr besteht, Schläge einzustecken: An Messen ist es schon vorgekommen, dass der Stand unseres Vereins von Kernenergiegegnern, die einer berühmten, angeblich pazifistischen Organisation angehören, mit Gewalt angegriffen und demoliert wurde. Unser Verein will aber nur friedlich kommunizieren, um der Bevölkerung, den Medien und den politischen Entscheidungsträgern die ökologischen Vorteile dieser Energieform aufzuzeigen.

Skizzieren Sie uns ein Porträt des typischen Kernenergiegegners!
Er kann aus allen gesellschaftlichen Schichten stammen. Unter den Ingenieuren findet man allerdings nur wenige; es handelt sich vor allem um solche, die sich vor dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt an sich fürchten. Die Gegner wissen meistens gar nicht, wie ein Kraftwerk funktioniert oder was Radioaktivität ist und wie man sich vor ihr schützt. Sie glauben an eine bessere Welt, von der sie sich oft eine unrealistische Vorstellung machen. Sie sind Pessimisten, welche die Kernenergie als Sündenbock für alle Übel in der Gesellschaft hinstellen. Sie führen die Energiedebatte dogmatisch, eindimensional, und stellen die guten - erneuerbaren - Energieformen der gefährlichen und umweltverschmutzenden Kernenergie gegenüber, ohne ihren Standpunkt je mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern.

Hat die Kernenergie überhaupt eine Überlebenschance angesichts der Allianz der konkurrierenden Energieformen, der malthusischen Umweltschützer und der Finanzkreise, die langfristigen Investitionen abgeneigt sind?
Mehr als um eine Chance geht es hier um einen unvermeidlichen Wandel. Auf das Erdölzeitalter wird notgedrungen das Atomzeitalter folgen. Angesichts des zu erwartenden enormen Energiebedarfs und der Notwendigkeit, die Umwelt vor der Luftverschmutzung zu schützen, wird mittelfristig nur die Kernenergie in der Lage sein, den Grundenergiebedarf sicherzustellen. Andernfalls werden wir ins Mittelalter zurückfallen.

In welchen Ländern oder Regionen der Welt hat die Kernenergie die besten Chancen auf einen Wiederaufschwung?
Die Renaissance der Kernenergie wird auf der ganzen Welt stattfinden. Asien, Lateinamerika, Afrika: Überall pochen die Länder heute auf das Recht, Kernkraftwerke zu bauen. Sogar die Erdölstaaten lancieren Kernenergieprogramme, während die europäischen Länder, die sich aus politischen Gründen für einen Ausstieg entschlossen haben, heute merken, dass das gar nicht so einfach ist.

Ist der Wiederaufschwung der Kernenergie kompatibel mit der Liberalisierung der Energiemärkte?
Die Aufrechterhaltung eines gewissen öffentlichen Status' wird es besser ermöglichen, die Zukunft vorzubereiten als eine extreme Liberalisierung dies könnte. In einer vollständig auf kurzfristigen Profit ausgerichteten Welt wäre es schwierig, die hohen Investitionen zu tätigen, die ein signifikanter Ausbau der Kernenergie erfordert. Auch wenn der forcierte Bau von Gas- und Kohlekraftwerken, wie er heute zu beobachten ist, kurzfristig finanziell interessant sein mag, ist er langfristig eine Katastrophe. Er erhöht unsere Abhängigkeit von den fossilen Brennstoffen weiter und beschleunigt den Klimawandel. Umso unerfreulicher könnte einst das Erwachen sein.

Welches wären die Folgen einer weltweiten Abkehr von der Kernenergie, zum Beispiel nach einem zweiten Tschernobyl?
Es ergäbe sich ein rascher Anstieg der CO2-Emissionen, denn die Kohle wäre dann die wichtigste Energiequelle. Dadurch würde sich das Problem der Klimaerwärmung erheblich verschärfen. Ich will sicher nicht schwarzmalen. Es ist aber naheliegend, dass sich die ganze Welt auf noch nie gesehene Krisen vorbereiten muss, wenn das Erdöl und das Gas zur Neige gehen - und dies könnte viel früher der Fall sein als erwartet. Es besteht die Gefahr von Kriegen, Völkerwanderungen und Hungersnöten. Die Zukunft muss jetzt vorbereitet werden. Der Bau von Energieinfrastrukturen erfordert mindestens 15 bis 20 Jahre, ganz gleich, ob es sich um Gas-Pipelines oder Kernenergieanlagen handelt. Frankreich benötigte 26 Jahre, um das bestehende Kernenergieprogramm zu realisieren. Und nochmals solange wird es dauern, um neue Energiekapazitäten bereitzustellen, die mit dem weltweit steigenden Bedarf Schritt halten können, ohne noch stärker von den fossilen Brennstoffen abhängig zu werden.

Das Gespräch führte Jean-Pierre Bommer
Übersetzung: Jürg Holenweger

Praktisch denkender Umweltschützer

Für Bruno Comby ist Umweltschutz vor allem eine Lebenskunst, eine Art und Weise, sich selbst Sorge zu tragen, eine körperliche und geistige Lebenshygiene zu entwickeln. Er hat einen sehr bemerkenswerten Lobgesang auf die Siesta geschrieben und zusammen mit angesehenen Ärzten ein Gesundheitsinstitut gegründet, das sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, gegen die Tabaksucht zu kämpfen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und die Umwelt zu schützen. Er ist auch Gründer und Vorsitzender der Association des écologistes pour le nucléaire (AEPN), da er der Ansicht ist, dass der Widerstand gegen diese Energiequelle aus angeblich umweltschützerischen Gründen «ein schwerer historischer Fehler» ist, der auf mangelnde Information und fehlende Kenntnis der Materie zurückzuführen ist. Dank seiner anerkannten wissenschaftlichen Kompetenz und seinen Fähigkeiten als Kommunikator ist es ihm gelungen, grosse Persönlichkeiten der internationalen Antiatombewegung für sich zu gewinnen. Sollte die Kernenergie zu einem neuen Aufschwung finden, wird dies zu einem erheblichen Teil seinem Mut und seinem Engagement zu verdanken sein.

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