Erst angenommen, dann ausgerechnet
Wie die von der SES finanzierte ZHAW-Studie aus unsicheren Szenarien scheinbar konkrete Arbeitsplatzverluste ableitet.
Eine neue ZHAW-Studie – finanziert von der Schweizerischen Energiestiftung (SES) -warnt vor Tausenden gefährdeten Arbeitsplätzen, sollte die Schweiz das AKW-Neubauverbot aufheben. Die Zahl sorgt für Schlagzeilen. Doch sie ist keine Prognose tatsächlich drohender Entlassungen, sondern das Ergebnis einer Kette weitreichender Annahmen.

Bis zu 16’000 Arbeitsplätze soll bereits die politische Öffnung für neue Kernkraftwerke gefährden. Das ist eine starke Botschaft, insbesondere mit Blick auf die bevorstehende Abstimmung über das Neubauverbot. Umso wichtiger ist es, genauer hinzusehen, wie diese Zahl zustande kommt.
Die Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wurde von der kernenergiekritischen Schweizerischen Energiestiftung (SES) in Auftrag gegeben, finanziert und baut auf deren eigener «Politikfolgenabschätzung zur Aufhebung des AKW-Neubauverbots» von 2025 auf. Die SES erwähnt ihre Finanzierung der ZHAW-Studie in ihrer Medienmitteilung erst ganz am Ende in der Hintergrundinformation.
Wie aus Annahmen Tausende Arbeitsplätze werden
Entscheidend ist die Ausgangsannahme: Bereits die Aufhebung des Neubauverbots soll die Fördereffizienz der erneuerbaren Energien ab 2028 um rund 33% reduzieren. Als Gründe werden politische Unsicherheit, höhere Finanzierungskosten und ein verschlechtertes Investitionsklima genannt. Diesen Wert hat die ZHAW nicht selbst empirisch ermittelt, sondern als Szenarioannahme aus der SES-Studie übernommen. Anschliessend wird vereinfachend unterstellt, dass der gesamte Ausbau der neuen erneuerbaren Stromproduktion durch Photovoltaik (PV) erfolgt. Aus der angenommenen tieferen Fördereffizienz ergibt sich ein geringerer PV-Zubau und daraus wiederum ein geringerer künftiger Personalbedarf der Solarbranche.
So stehen für 2030 im Referenzszenario 17’500 rechnerische Vollzeitstellen 11’700 Stellen bei einer Aufhebung des Neubauverbots gegenüber. Die Differenz von 5800 Stellen wird als «gefährdet» bezeichnet. Dabei handelt es sich mehrheitlich nicht um heute bestehende Arbeitsplätze, die abgebaut würden. Gemeint sind Stellen, die gemäss dem Referenzszenario künftig entstehen könnten, unter den getroffenen Annahmen aber nicht geschaffen würden.
Für die höhere Bandbreite kommt eine weitere Annahme hinzu: Das Gebäudeprogramm wird ab 2030 vollständig gestrichen. Die dadurch betroffenen Stellen werden ebenfalls den AKW-Szenarien zugerechnet. Zusammen mit weiteren Modellannahmen zur Planung und zum Bau eines Kernkraftwerks entsteht so die Zahl von bis zu 16’000 gefährdeten Arbeitsplätzen.
Die Studie berücksichtigt allerdings auch, dass durch Planung, Bau und Betrieb eines neuen Kernkraftwerks Arbeitsplätze in der Schweiz entstehen würden. Nach ihrer Modellrechnung könnten diese die angenommenen Einbussen in der Solar- und Baubranche nicht ausgleichen. Auch diese Gegenrechnung beruht jedoch auf Annahmen, etwa darüber, welcher Anteil der Wertschöpfung und der Arbeiten im Inland anfiele.
Zu einem deutlich anderen Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von BAK Economics im Auftrag von Economiesuisse: Sie errechnet für einen Ersatzneubau während der Bauphase eine inländische Wertschöpfung von insgesamt CHF 7,4 Mrd. und langfristig rund 2900 gesicherte oder neu geschaffene Arbeitsplätze. Auch diese Zahlen beruhen auf einem definierten Szenario, verdeutlichen aber, wie stark Ergebnisse von den gewählten Annahmen und der Betrachtungsweise abhängen.
Ein Szenario ist noch keine Prognose
Die Autoren der ZHAW machen aus den Unsicherheiten keinen Hehl. Sie halten selbst fest, dass insbesondere der angenommene Investitionsrückgang in der PV-Branche nicht präzise quantifiziert werden könne und alternative Annahmen zu anderen Ergebnissen führen würden. Die berechneten Ausbaupfade seien zudem keine eigenständige Marktprognose.
Dass die AKW-Diskussion Investitionen in erneuerbare Energien automatisch bremst, ist keineswegs belegt. Eine repräsentative DemoSCOPE-Umfrage im Auftrag des Nuklearforums Schweiz vom März 2026 kommt zu einem anderen Ergebnis: Nur 4% der grundsätzlich Investitionsbereiten sahen einen bremsenden Effekt. Für 50% hatte die Diskussion keinen Einfluss, bei 44% erhöhte sie die Investitionsbereitschaft sogar.
Die Zahl von 16’000 gefährdeten Arbeitsplätzen sagt deshalb vor allem eines: Modellresultate sind nur so belastbar wie die Annahmen, auf denen sie beruhen. Wer aus modellierten, künftig möglicherweise nicht geschaffenen Stellen tatsächliche Arbeitsplatzverluste macht, verkürzt die Aussage der Studie entscheidend.
Unabhängig von den konkreten Zahlen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann der Schutz möglicher künftiger Arbeitsplätze in einer einzelnen Branche ein überzeugender Grund sein, eine andere CO₂-arme Technologie weiterhin gesetzlich zu verbieten? Energiepolitik muss sich in erster Linie daran messen lassen, ob sie eine sichere, klimafreundliche und bezahlbare Stromversorgung ermöglicht. Beschäftigungseffekte sind dabei wichtig, sie können aber kaum ein Technologieverbot rechtfertigen.
Verfasser/in
Stefan Diepenbrock, Leiter Kommunikation, Nuklearforum Schweiz