Urs Amherd: «Es bleibt spannend»

Vom Anlagenoperateur zum Rückbauverantwortlichen: Urs Amherd hat das Kernkraftwerk Mühleberg in unterschiedlichen Phasen erlebt, zunächst im Leistungsbetrieb, heute während der Stilllegung. Damit steht er im Zentrum eines in der Schweiz bislang einzigartigen Projekts und erläutert, weshalb Rückbau weitaus mehr bedeutet als die reine Demontage einer Anlage.

24. Juli 2026
Urs Amherd
Urs Amherd erklärt, der Pioniercharakter des Rückbaus des KKW Mühleberg liege nicht im Technischen, sondern in der Umsetzung innerhalb der schweizerischen Gesetzgebung.
Quelle: Nuklearforum Schweiz

Mit der Kernenergie kam Urs Amherd erstmals während seines Studiums an der ETH Lausanne in Berührung. Seine Diplomarbeit im Bereich der Fusion entsprang seiner fachlichen Neigung, dass daraus eine langfristige Karriere und Passion entstehen würde, war damals jedoch noch nicht absehbar. Erst eine Stellenausschreibung führte ihn ins Kernkraftwerk Mühleberg (KKM), wo er als junger Physik-Ingenieur eine mehrjährige, vielfältige Ausbildung vom Anlagenoperateur bis zum Pikettingenieur begann. Das Ausbildungssystem ist konsequent praxisorientiert und äusserst fundiert: «Später weiss man genau, wovon man spricht, weil man es selbst gemacht hat», sagt der gebürtige Walliser.

Zäsur und Neuausrichtung

Der Entscheid zur Stilllegung des KKM kam für viele Mitarbeitende überraschend, auch für Urs Amherd. «Im ersten Moment war es ein Schock», meint er rückblickend. Doch weil dieser Entscheid, bereits 2013, früh kommuniziert wurde, konnte sich der Wandel schrittweise vollziehen. Zwischen 2013 und 2019 investierte das KKM gezielt in Weiterbildung, Umschulung und Organisationsentwicklung. Die allgemeine Richtung war klar: den sicheren Betrieb bis zuletzt gewährleisten und gleichzeitig die Voraussetzungen für den Rückbau schaffen.

Seit 2018 arbeitet Amherd im Rückbauprogramm. Die Tätigkeit unterscheidet sich grundlegend von jener im Leistungsbetrieb. Während dort Planung und Betrieb eng verzahnt sind, ist der Rückbau stark projektorientiert. «Die Vorbereitung ist nicht mehr 90 Prozent und die Ausführung 10 Prozent – sondern genau umgekehrt», beschreibt er die Verschiebung. Flexibilität wird zu einem wichtigen Faktor.

Rückbau nach Plan

Der Rückbau folgt klaren Zeit- und Kostenvorgaben: Rund 15 Jahre sind eingeplant, etwa eine Milliarde Franken veranschlagt, ohne Entsorgungskosten. Nach sechs Jahren befindet sich das Projekt sowohl zeitlich als auch finanziell auf Kurs, der kerntechnische Rückbau soll bis Ende 2031 abgeschlossen sein.

Technisch greift man auf international etablierte Methoden zurück. Der eigentliche Pioniercharakter liege nicht im Technischen, sondern in der Umsetzung innerhalb der schweizerischen Gesetzgebung, erklärt Urs Amherd. Entsprechend wichtig sei der internationale Austausch – etwa mit Spanien, Deutschland oder Schweden. Programme für Projektleitende ermöglichen den mit einem KKW-Rückbau beschäftigten Personen einen offenen und allseits geschätzten Austausch über Erfahrungen und Lösungen. Inzwischen hat sich Mühleberg dabei vom Lernenden zum Lehrenden entwickelt.

Gleichzeitig bleibt das Umfeld dynamisch: Überraschungen gebe es trotzdem immer wieder – wer hätte denn 2020 mit dem Ausbruch einer Pandemie gerechnet oder 2022 mit einem Krieg in Europa? Beides hatte Auswirkungen auf die Lieferketten. So fehlten während der Pandemie plötzlich die für die Arbeiten notwendigen Ventilmasken, wodurch die Arbeit fast hätte unterbrochen werden müssen. Die Erleichterung war gross, als die Masken doch noch beschafft werden konnten.

Wissen sichern, Zukunft gestalten

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist das betriebsinterne Know-how. Die langjährigen Mitarbeitenden kennen die Anlage im Detail, das ist ein entscheidender Vorteil bei systemspezifischen Arbeiten und komplexen Schnittstellen. Dieses Erfahrungswissen fliesst direkt in den Rückbau ein und ermöglicht kontinuierliche Optimierungen. Bloss für bestimmte Spezialaufgaben, wie etwa die Zerlegung des Reaktordruckbehälters, werden gezielt externe Spezialisten beigezogen. Eine universelle Lösung für alle Abfälle – konventionelle wie radioaktive – aus dem KKM gibt es nicht, entscheidend sei der richtige Entsorgungspfad pro Material, erläutert der Leiter Nukleare Strategie und Assets. Oberstes Ziel ist, radioaktive Abfälle zu minimieren. Der grösste Teil der Materialien wird dekontaminiert, freigemessen und wiederverwertet. Nur ein kleiner Anteil – weniger als zwei Prozent der Gesamtmasse – verbleibt als schwach- und mittelaktiver Abfall und wird ins Zwilag überführt.

Das öffentliche Interesse am Rückbau bleibt hoch. Besucherführungen geben viermal jährlich Einblick in den Fortschritt der Arbeiten. Gleichzeitig richtet sich der Blick bereits in die Zukunft des Standorts. «Eine ‹grüne Wiese› ist unwahrscheinlich», sagt Urs Amherd: Die vorhandene Infrastruktur und die Netzanbindung machen Mühleberg zu einem attraktiven Technologie- und Energiestandort. Aktuell werden Grossbatterien geprüft, mittelfristig sind Kombinationen mit Rechenzentren oder CO₂-arme Kraftwerke denkbar. Der leistungsfähige Netzanschluss bleibt dabei ein zentraler Standortvorteil.

Für den jungen Familienvater ist der Rückbau kein Abschluss, sondern eine eigenständige Phase mit neuen Herausforderungen. Ein Projekt, das technisches Verständnis, Organisationstalent und Anpassungsfähigkeit vereint – und genau deshalb spannend bleibt.

Urs Amherd

dipl. Physik-Ingenieur ETH Lausanne, trat 2009 ins KKW Mühleberg ein. Er durchlief die Ausbildung vom Anlagenoperateur bis zum Pikettingenieur und übernahm Funktionen als Senior Analyst sowie stellvertretender Leiter Fachstab. 2018 wechselte er in den Rückbau und ist heute Leiter Nukleare Strategie & Assets sowie stellvertretender Leiter Nuklear. Zudem ist er Mitglied der Kommission für Ausbildungsfragen des Nuklearforums Schweiz.

«Bulletin» 2/2026

Lesen Sie das Interview zum Artikel im Bulletin 2/2026.

Das «Bulletin» des Nuklearforums Schweiz mit Interviews, Hintergrundberichten, Analysen und Veranstaltungshinweisen aus der Welt der Kerntechnik erscheint vier Mal jährlich. Mitglieder des Nuklearforums Schweiz erhalten es in Printform zugestellt. Interessierten steht es zum Download zur Verfügung.

Als Mitglied des Nuklearforums profitieren Sie von zahlreichen Vorteilen. Hier erfahren Sie mehr.

Verfasser/in

N.E. nach Interview mit Urs Amherd

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Zur Newsletter-Anmeldung

Profitieren Sie als Mitglied

Werden Sie Mitglied im grössten nuklearen Netzwerk der Schweiz!

Vorteile einer Mitgliedschaft